Die Cargo-Kulte der Collaboration
Das Problem
Als ich in der aktuellen Ausgabe des Magazins “wissensmanagement” einen Artikel über “Wissensmanagement mit SharePoint” las, musste ich an Flugzeuge aus Stroh denken. Ehrlich jetzt. An Cargo-Kulte. Und das kam so:
Im besagten Artikel schreibt ein Autor über seine Vorstellung eines Wissensmanagement-Systems mit SharePoint. Den fand ich interessant, weil aus meiner Sicht repräsentativ. Der Autor meint kurzgefasst dass SharePoint toll als zeitgemäße Kollaborationsplattform ist, da man damit gut Dokumentenmanagement machen könne, unterstützt durch Social Media. Der Autor ist augenscheinlich fit in Dokumentenmanagement und ECM, keine Frage. Interessant war für mich wie blass die Aussagen über Social Media für Collaboration und Wissensmanagement bleiben. Z.B. über Social Media im System allgemein:
Tools und Funktionen wie Foren, Blogs, Rating, MySites und Wikis fördern die Wissensgenerierung und -bereitstellung im Unternehmen. Mitarbeiter werden animiert, Wissen beizusteuern. [...] findet nun durch Wissensaustausch die effektive und effiziente Herbeiführung einer optimalen Lösung statt.
Wie aber kommt das? Warum sind Social Media dahingehend so nützlich? Wie funktioniert das? Wie ist das in einem Gesamtsystem mit Dokumentenmanagement verknüpft? Die Tools werden aufgezählt, aber bleiben schwer zu greifen, was den Mehrwert ausmacht. Besonders bei der Beschreibung des Beitrags von Wikis wird deutlich, dass der ansonsten gute Artikel hier unpräzise bleibt:
Deren Einsatz kann über das Unternehmenslexikon oder Glossar weit hinausgehen. [...] Wikis [...] gewährleisten, dass vorhandenes und aufwändig generiertes Wissen für alle Mitarbeiter zugänglich ist
Und das war der Moment in dem ich mich gefragt hatte, ob der Autor schlicht a priori von der Nützlichkeit von Wikis überzeugt ist, ohne sich je damit näher befasst und verstanden zu haben. Das Wiki hier als Analogie auf Flugzeuge aus Stroh: Sieht aus wie Flugzeug, soll Flugzeug darstellen, erfüllt aber nicht den Zweck eines Flugzeugs. Ein Cargo-Kult.
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Was Cargo-Kulte sind
Cargo-Kulte sind ein spannendes Thema, denn es zeigt wie wir als Menschen ticken. Ich sage bewusst “wir”, nehme mich da nicht aus. Wikipedia schreibt zu Cargo-Kulten folgendendes:
Das Kriegsmaterial, das während des Zweiten Weltkrieges massenhaft von der US-Armee auf diese Inseln abgeworfen wurde [...], brachte drastische Änderungen des Lebensstils der Inselbewohner mit sich: Sowohl die Soldaten als auch die Einheimischen, die sie beherbergten, wurden mit Materialmengen regelrecht überschüttet. [...]
Mit dem Kriegsende wurden die Flughäfen verlassen und kein neues „Cargo“ wurde mehr abgeworfen. Darum bemüht, weiter Cargo per Fallschirm oder Landung zu Wasser zu erhalten, imitierten Kultanhänger die Praxis, die sie bei den Soldaten, Seeleuten und Fliegern gesehen hatten. Sie schnitzten Kopfhörer aus Holz und trugen sie, als würden sie im Flughafentower sitzen. Sie positionierten sich auf den Landebahnen und imitierten die wellenartigen Landungssignale. Sie entzündeten Signalfeuer und -fackeln an den Landebahnen und Leuchttürmen …
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Cargo-Kulte der Collaboration
Vor ein paar Wochen erschien auf SPON ein Interview mit dem sympathischen Quebecker Lehrer Shawn Young – lesenswert. Shawn Young ist Lehrer, selbst passionierter Spieler, und hat für seine Schüler ein Spiel entwickelt, das sich World of Classcraft nennt (WoC).
WoC macht aus dem Unterricht ein Spiel, indem typische Schulaktivitäten Punkte geben und den Spielverlauf beinflussen können. Zitat im Text:
Im Frühjahr 2012 verwandelten sich Youngs Physik- und Chemiekurse zum Teil in ein Rollenspiel-Testlabor. Es geht zwar noch immer um Noten, aber auch um Erfahrungs-, Aktions-, Fähigkeits- und Trefferpunkte. Gute Leistungen haben in Youngs Spielsystem positive Effekte, schlechte bringen Abzüge. Zu spät gekommen? Minus 10 Trefferpunkte. Einen Fehler im Lehrmaterial entdeckt? Plus 50 Erfahrungspunkte. Hausaufgaben werden zu Monstern, Klausuren zu Endgegnern – wobei sich alles nur in den Köpfen abspielt, niemand ist verkleidet
WoC hat eine eigene Webseite, die viele Zusatzinformationen liefert. Unter anderem die Spielregeln, das Game Design, und eine allgemeine Beschreibung des Ablaufs:
[...] During class, the teacher plays the role of game master. Students call out the actions they want to perform, during a regular class, and the teacher inputs them in the platform. During a one-hour class, game management occupies roughly 5 minutes. Our experience show that students are very motivated (including girls) to perform in the game. The motivation to gain real life powers, the randomness of the events and the risk involved in avoiding death are all factors that make the game motivating. [...]
Nebenbei bemerkt: WoC ist auch ein Kickstarter-Projekt. Finde ich unterstützenswert.
Was kann man von “World of Classcraft” über Gamification lernen?
Mal abgesehen davon dass ich wehmütig an meine eigene Schulzeit denke und mir solche pädagogischen Methoden gewünscht hätte, sehe ich WoC aus der Perspektive des Intranet-Consultants. Gamification ist für mich ein Ansatz, um User Adoption und Arbeitsprozesse zu unterstützen – wie ich hier im Blog schon skizziert habe.
Aus meiner Sicht kann man aus dem Beispiel WoC einiges lernen, das man oft beim Gedanken an Gamification nicht auf dem Schirm hat:
Die letzten Tage tauchten über meine Newsfeeds immer wieder Artikel über die 70:20:10-Regel auf, die mir bislang unbekannt war. Vor ein paar Tagen hatte ich endlich Gelegenheit mich damit bekannt zu machen, und war froh darüber.
Kurz gefasst ist die 70:20:10-Regel eine interessante Faustregel, auf welche Weise Lernprozesse im Arbeitsprozess stattfinden:
- 70% des Lernens findet statt durch konkrete Erfahrungen, durch Auseinandersetzung und (Aus-)Übung. Bei der Arbeit selbst.
- 20% des Lernens findet statt über Kommunikation mit anderen Menschen, in der Teeküche, über Netzwerke und Communities
- 10% des Lernens findet dann durch formales Lernen statt: Schulungen, Trainings und Workshops. Nur 10%. Und die sind auch noch ineffizient, wenn man Kosten und Ergebnis ins Verhältnis setzt.
Beim Wissenswerk fand ich dieses schöne Video, das die Sache ziemlich gut erklärt:
Auswirkung der 70:20:10-Regel auf Collaboration und Wissensmanagement
Eine Kernaussage des Videos ist, dass man Wissen nicht managen kann! Und ich stimme dem zu. Informationen lassen sich managen, nicht aber Wissen, das zwischen den Ohren steckt – siehe auch die Wissenstreppe. Wenn´s um´s Lernen geht, hat jeder Mensch individuelle Lernwege. Diese Lernwege zu ermöglichen und zu unterstützen sei die Aufgabe des Wissensmanagements. Aufgabe sei Lernen bei der Arbeit / Zusammenarbeit zu unterstützen.
Anmeldung für Corporate Learning Camp 2013: Meine Erwartungen als (fachfremder?) IT-Consultant
Letztes Jahr habe ich erst via Twitter während des #CLC12 davon erfahren, dass es überhaupt ein Corporate Learning Camp gibt. Zu spät um sich noch vor Ort zu beteiligen. Immerhin hat es für die online-Teilnahme am #CLC12 gereicht, die ich in diesem Blogartikel dokumentiert habe.
Aber dieses Jahr passiert mir das nicht! Seit Anfang der Woche ist die Anmeldung für den 27./28.9.2013 möglich: hier geht´s zur Startseite, hier zur Anmeldung. Ich bin dabei!
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Warum nehme ich teil?
Die Frage ist nicht so banal wie sie sich anhört. Als ich letztes Jahr vom #CLC12 erfuhr, war ich erst ganz elektrisiert, denn als IT-Consultant für Wissensmanagement, (Search zunehmend) und Collaboration ist es eine Selbstverständlichkeit Lernprozesse mitzudenken. Dann aber stutzte ich, als ich las wer als Zielgruppe des Corporate Learning Camps angesprochen wurde: “… BarCamp für Trainings-, Weiterbildungs-, Kompetenzentwicklungs- und Personalentwicklungs-Profis aus Unternehmen“. Und das bin ich ja sowas von gar nicht … Ein Blick in die Sessionplanung lies mich trotzdem teilnehmen. Und das war gut so.
Nun war es sicher keine Absicht Leute wie mich von #CLC12 auszuschließen. Mir wurde aber in dem Moment bewusst dass es zwei Welten gibt, die in der Praxis wenig zu tun haben, und sich kaum aufeinander beziehen:
Wissensmanagement oder Lernen? Oder beides?
- “Wissensmanagement” ist oft die Domäne der IT, leider. Der Begriff des Lernens kommt in diesem Kontext kaum vor
- “Lernen” wiederum ist die Domäne von Personalern und Leuten aus Training und Weiterbildung. Nach meinem Eindruck ist hier die Offenheit für Fragen der IT und des Wissensmanagements etwas größer als umgekehrt.
Im Rahmen meiner Arbeit als IT-Consultant werden mir immer wieder ähnliche Fragen gestellt, von Seiten der Kunden, aber auch von Kollegen:
- Wozu ist ein Social Network und insb. ein Newsfeed im Intranet gut, von dem jetzt alle reden?
- Was soll dieses Collaboration mehr sein als “Zusammenarbeit”?
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Beides nicht ganz einfach zu beantworten. Vor ein paar Tagen wurde ich via Twitter-Hashtag #km auf einen Artikel von Harold Jarche aufmerksam, die Antworten auf diese Fragen bietet. In seinem Artikel “Competitive Knowledge” geht es ihm um die Frage, wie sich sog. “Kernwissen”, das Competitive Knowledge, eigentlich im Unternehmen entwickelt? Wie das entsteht? Die Kernaussage Jarches steht direkt in der Graphik:
Communities of Practice filter new knowledge to find competitive knowledge
Jarche zeigt eine Graphik, die ich einfach und sehr gelungen finde, da sie den Lernprozess innerhalb von Unternehmen gut zusammenfast:
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1. Frage: Wozu ist ein Newsfeed im Intranet gut?
Die Graphik hat zwei Achsen, die einen Verlauf visualisieren von “strukturiert > informell” und “zielorientiert > anlassbezogen”. Ich lese diese Graphik von rechts oben nach links unten:
Innerhalb von wenigen Wochen hatte ich gleich zwei Jubiläen. Zum einen ließ mich WordPress.com wissen dass dieser Blog vor 5 Jahren aufgesetzt wurde, und gestern Abend wurde die runde Zahl von genau 100.000 Seitenaufrufen erreicht
. Seit ungefähr 2,5 Jahren blogge ich systematischer und mit mehr beruflicher Ausrichtung, die meisten Seitenzugriffe sind aus diesem Zeitraum.
Nun haben solche Jubiläen immer auch etwas willkürliches. Wieviel Tage sind 5 x 365 Tage? 1825 klingt gleich weniger rund. Und die Zahl 100.000 ist statistisch gesehen nicht seltener als sagen wir die Zahl 93.349.
Trotzdem, es sind runde Zahlen, und es macht was mit einem. Z.B. fragte ich mich heute “hat es sich gelohnt zu bloggen? Lohnt es sich heute, und wird es sich morgen lohnen? War und bin ich erfolgreich mit diesem Blog? Was macht “Erfolg” eigentlich aus, für mich als privater Blogger mit einem Orchideenthema?“
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Die Frage nach “Erfolg” ist nicht banal, denn so ein Blog schreibt sich nicht von allein. Schreiben ist aufwändig, und erst die Extraportion Mühe macht den Unterschied aus zwischen einem Artikel, der ok ist, und einem, der gut ist. Nur gute Artikel werden kommentiert, diskutiert, empfohlen auf sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook. Die Visualisierung von Artikelthemen beispielsweise finde ich wichtig, und kommt gut bei den Lesern an. Ehrlich, Visualisierung macht zusätzliche Arbeit.
Wenn die Anfangseuphorie mal weg ist fragt man sich schon ob Aufwand und Nutzen in einem Verhältnis zueinander stehen. Hat sich also der Aufwand “gelohnt”? Macht es Sinn weiterzumachen?

Blogstatistik http://www.mlhoefer.de, 18.4.2013
Veröffentlichung im DOK.magazin: Corporate MOOCs für Wissens- und Innovationsmanagement
MOOCs, ausgeschrieben Massive Open Online Courses, sind aus meiner Sicht eine ziemlich spannende Sache. Nichts hat mich mehr elektrisiert und mir neue Türen geöffnet, seit ich im Frühjahr 2008 Barcamps für mich entdeckt habe.
In Berührung mit MOOCs kam ich Ende 2012 anlässlich des #mmc13, des MOOC Maker Course 2013. Der #mmc13 war ein MOOC, um mit anderen Leuten zu lernen, wie man einen MOOC macht. Wir waren so an die 200 aktive Mitglieder, die über rund 40 Tage hinweg allein 200 Blogartikel produziert haben – auch hier im Blog. Plus Hangouts on Air, plus Google+-Diskussionen, plus Wiki …
Um zu lernen, was ein MOOC jetzt ist bzw. sein kann, hat sich die Teilnahme am #mmc13 allein schon gelohnt. Darüber hinaus wollte ich allerdings auch die ganze Zeit evaluieren, inwiweit MOOCs im Intranet ein Werkzeug sein können. Für Wissensmanagement? Für F&E, für Innovation? Denn aus meiner Sicht stagniert Wissensmanagement aus IT-Sicht ein wenig, und ich bin mir sicher dass wir IT-ler von den Bildungsexperten einiges über Lernen und Lernmanagement lernen können.
Und darum geht es in diesem Artikel, der in der aktuellen Ausgabe des DOK.magazins veröffentlicht wurde: Was sind MOOCs, inwieweit sind sie ein Mittel im Intranet für das Wissensmanagement, und welche Mittel stellt SharePoint 2013 grundsätzlich bereit, um einen MOOC damit durchzuführen:
–>> Link zum Artikel
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Ganz herzlich bedanken möchte ich mich noch bei der Herausgeberin des DOK.magazins, Frau Birgit Reber. Auf Ihre Initiative kam der Artikel zustande, und es war mir ein Vergnügen den Artikel mit ihr in seiner jetzigen Form zu entwickeln.
Sehr gefreut habe ich mich dabei auch über die Erlaubnis, den Text hier im Blog als PDF zur Verfügung zu stellen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, Stichwort: Urheberrecht und so.
Wen interessiert was das DOK.magazin sonst noch inhaltlich zu bieten hat, dem sei dieser Link zur Website oder zur Facebook-Gruppe empfohlen.
UPDATE 4.3.2013: Erst hinterher ist mir klargeworden, dass Corporate MOOCs ein Ansatz sein können, nach dem ich in einem themenverwandten Artikel gesucht habe: “Wie motiviert man die Unmotivierten (im Unternehmen) zu lernen?“. Zitat aus dem Artikel:
Mit der Motivation zum Lernen ist es vielleicht ähnlich wie mit dem Wissensmanagement. Aus meiner Sicht hat man schon verloren, wenn man fragt “Wie bekomme ich das Wissen der Mitarbeiter ins System?” Das ist autoritär gedacht. Viel besser ist es zu fragen: “Unter welchen Bedingungen geben Mitarbeiter ihr Wissen gern weiter? Wie müssen die Prozesse aussehen, wie die Unternehmenskultur, und wie die IT-Werkzeuge, damit das möglichst geschmeidig abläuft?
Ich bin davon überzeugt dass Mitarbeiter gern “lernen”, wenn das Lernen als solches nebenbei geschieht, zwanglos, selbstorganisiert. Eine gute “Collaboration”-Umgebung leistet das aus meiner Sicht, und lädt ein.
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DISCLAIMER: Alle Inhalte in diesem Blog spiegeln meine subjektive Meinung wider, und entsprechen nicht zwingend der Meinung meines Arbeitgebers, der Firma Alegri in München.
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