Streifzüge

Beobachtungen von einem der auszog das Neue zu suchen

Archiv für 'Politik' Kategorie


Vorhersagebörsen: Belohnt werden gute Informationen

Verfasst von Ludwig am Mai 19, 2008

Schon wer meinen Blog nur gelegentlich verfolgt ahnt, dass ich zum einen eine große Schwäche für sich selbst organisierende Systeme ohne/mit flachen Hirachien habe - Stichwort Open Source, Crowdsourcing, Weisheit der Massen. Außerdem, dass ich mit der gegenwärtigen Politikm mehr als nur Schwierigkeiten habe, vor allem mit dem was hinten bei rauskommt. Oder noch präziser, wie das Ergebnis überhaupt zustande kommt.

Politische Initiativen und Gesetze werden gerne mit dem “Willen des Volkes” begründet, einer Nachfrage nach einer bestimmten Politik, die mit Meinungsumfragen “belegt” werden. Klare Sache, dass Umfragen immer ein aktuelles Bild einfangen, das selbstverständlich über Massenmedien wenigstens teilweise und für einige Zeit beeiflusst wird.

Über einen sehr interessanten Ansatz Meinungsumfragen zu ersetzen schreibt heute Telepolis unter dem Titel “Geld verdienen mit Barack Obama“. Matthias Gräbner setzt sich mit “Virtuellen Börsen” / “Predicition Markets” auseinander, die analog zur Börse nicht nur die eigene Meinung, sondern auch die Wette auf die Meinung der anderen einfangen. Zitat:

“Denn dass die Prediction Markets funktionieren, hat im wesentlichen zwei Ursachen. Zum einen mitteln sie die Meinungen aller Marktteilnehmer. Das haben sie mit Umfragen gemeinsam. Zum anderen belohnen sie aber auch dafür, wenn ein Händler sich besser informiert als andere. Das ist in Umfragen nicht der Fall. Ob jemand die Parteiprogramme der Kandidaten kennt oder nicht - bei einer Umfrage zählt seine Stimme wie die jedes anderen. Dieser aus dem Börsensystem stammende zusätzliche Anreiz sorgt dafür, dass Prediction Markets Informationen besser akkumulieren können. Als Informationen gelten dabei natürlich nicht nur trockene Fakten - auch Meinungen und Stimmungen fließen natürlich in die Bewertung ein.”

Eine charmante Idee, wie ich finde. Ich würde so etwas gerne mal getestet sehen in der Vorhersage, welche Art von Politik wir denn tatsächlich haben wollen? Die Vorratsdatenspeicherung? Bundestrojaner auf dem eigenen Rechner? Kameras an jeder Ecke, die belegbar nichts bringen?

Zugegeben, das ist jetzt ein kleiner Sprung, aber ein schönes Beispiel dafür was passiert wenn “Experten” unter sich bleiben in der Annahme welche Regelungen die Welt braucht. Ebenfalls auf Telepolis heute findet sich der Artikel “Spätes Zurückrudern beim Sexualstrafrecht“. Lesenswert. Wie werden solche Entscheidungen und Regelungen legitimiert? Warum fragt uns niemand ob wir das so wollen?

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Co-Evolution von PR und Journalismus

Verfasst von Ludwig am Mai 14, 2008

Kürzlich stieß ich auf einen spannenden wissenschaftlichen Text von Philomen Schönhagen, der sich der Entwicklung der PR aus historischer Sicht nähert. Nach der zentralen Aussage seien PR und Journalismus interdependente Systeme, die sich wechselseitig entwickelt hätten, wobei PR eine Reaktion auf die Funktionsschwächen des Journalismus sei.

Schönhagen sieht mehrere Motivkomplexe zur Entstehung der systematischen Pressearbeit, die anschaulich belegt werden:

  • Zum einen sei sehr früh verfälschte Berichterstattung bzw. die Parteilichkeit der Medien als Problem wahrgenommen worden, was mit Fallbeispielen von 1875 und 1912 (!) belegt wird. So sei 1875 von den katholischen Vereinen mangelnde Informiertheit der Journalisten für “schlechte” Berichterstattung über die eigenen Generalversammlungen verantwortlich gemacht worden.
  • Zum zweiten seien Zielgruppen nur über Massenmedien erreichbar gewesen. Die zunehmende Ausdifferenzierung der Gesellschaft und damit Zunahme der Beobachterperspektiven bei gleichzeitig knappen Ressourcen hätte die Erzeugung von Aufmerksamkeit notwendig gemacht.
  • Öffentlichkeitsarbeit sei auch eine Reaktion auf das wahrgenommene Glaubwürdigkeitsproblem von Anzeigen und eigenen Publikationen (wie auch Amtsblättern), belegt hier an einem Fallbeispiel von 1848!

Das bewegt Schönhagen zur These, dass Öffentlichkeitsarbeit nicht anrüchig sei, sondern vor diesem Hintergrund ein legitimes Mittel. Sie sichere auch unter Bedingungen knapper Ressourcen und Zugangsbeschränkungen der Medien Randgruppen Zugang dazu - wie z.B. Frauenrechtlerinnen vor gut 100 Jahren. Wobei umgekehrt systematische Öffentlichkeitsarbeit durch ihre Beiträge erst das umfassende mediale System mit ermöglicht hätte, wie wir es heute kennen. …

Download des Textes z.B. hier.

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Politik 2.0: Obama und co.

Verfasst von Ludwig am Mai 12, 2008

Zu meiner großen Überraschung wird mein erster Blog-Artikel zu den Open-Source-Elementen der Kampagne Obamas noch immer aufgerufen - teils direkt, teils über Suchmaschinen. Ebenso die Fortsetzung.

Aus dem Grund möchte ich heute auf einen passenden interessanten Artikel auf der zeit.de aufmerksam machen: Demokratie: Wie das Web demokratisches Engagement fördert. Aufhänger des Artikels ist ein Interview mit Micah Sifry, dem Autor des Blogs techpresident.com zum aktuellen Präsidentschafts-Wahlkampf.

Sifry setzt sich mit den Online-Strategien der Kandidaten auseinander - entsprechend der Qualität und Menge der Aktivitäten hauptsächlich mit denen Obamas. Gerade eben las ich z.B. von einem neuen Wiki, das für das Prozessmanagement zur Organisation der Delegierten ein Wetpaint-Wiki namens Barack Obama Delegates eingerichtet wurde. Die gleiche Wiki-Software, die ich für mein privates Wissensmanagement verwende, woran man nebenbei sieht was man damit z.B. neben Lexika noch alles sinnvoll anfangen kann.

Von den großen Hoffnungen auf eine “Graswurzel-Demokratie” via Internet und kooperative Technologien nimmt allerdings auch Experte Sifry Abstand:

“Von Internetdemokratie zu sprechen wäre allerdings voreilig. »Hier reden zwar schon alle von ›Politics 2.0‹ und dem angeblich ersten wirklichen Internetwahlkampf«, sagt Micah Sifry nüchtern, »bis jetzt sehen die meisten Wahlkampfteams das Internet aber nur als Plattform, um ihre Slogans noch kostengünstiger unters Volk zu bringen und um Spenden zu sammeln.”

Der Autor Wolgang Blau wird ab der Hälfte des Artikels allgemeiner und thematisiert die Möglichkeiten des Internets für mehr Transparenz des politischen Willensbildungsprozesses und der Teilhabe daran (Vgl. E-Government: Was ist und was könnte sein?).

Neu war für mich www.maplight.org. Es werden, Zitat,

beispielsweise Gesetze daraufhin katalogisiert, welche Lobbyisten das jeweilige Gesetz unterstützt oder bekämpft haben, wie die einzelnen Abgeordneten dann darüber abgestimmt haben und von welchen Lobbyorganisationen die Abgeordneten später gegebenenfalls Zuwendungen erhielten. Jeder kann in dieser Web-Datenbank Einträge machen, [...].

Angesichts (noch) relativ geringer Beteiligung thematisiert Wolfgang Blau auch die Sichtweise, dass es nicht reiche eine Plattform ins Netz zu stellen und Beteiligung zu erwarten. Im Vordergrund stünden die direkten Bedürfnisse der Nutzer (als Beispiel hier aufgeführt: fixmystreet.com), bevor man sie um tiefergehende Beteiligung wie z.B. Gesetzesvorhaben bitten könne. Als Gegenbeispiel fällt mir dagegen sofort das neuseeländische Polizeigesetzwiki ein, das als Erfolg aufgrund reger Beteiligung gilt, obwohl ich dafür keine Nutzerzahlen habe.

Ein schöner Anlass, mir demnächst Gedanken in einem Post zu machen: Was könnten notwendige Voraussetzungen sein, um Bürger zur Beteiligung an der Politik 2.0 zu motivieren? Was wäre für mich Voraussetzung? Für euch? Demnächst mehr dazu…

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