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Veränderungsbereitschaft: Nicht nur vom Alter abhängig

7. Juni 2008

Veränderungen sind ein spannendes Thema für mich. Zum einen steht mit dem aktuellen Umzug von Berlin nach München wegen meines neuen Jobs eine große persönliche Veränderung ins Haus [24.3.2010: aus dem zwischenzeitlich ein Unternehmen wurde], zum andern wird es im Rahmen des Jobs auch beruflich um die Kommunikation von Veränderungen gehen. Gemessen an meinem Alter, 32 Jahre zurzeit, bedeutet das sich auf viel Neues einzulassen, auch wenn ein Stadtwechsel nach dem Studium für die meisten Leute eine Selbstverständlichkeit ist und quasi dazugehört. Auf der anderen Seite bin ich als Ex-Krankenpfleger und Absolvent des 2. Bildungswegs zudem radikale Brüche beinahe „gewohnt“.

Vor dem Hintergrund habe ich gerade mit großer Neugierde einen Artikel auf sueddeutsche.de gelesen: „Die Illusion vom großen Wandel„. Aufhänger des Artikels ist die Popularität von Auswanderungssendungen im deutschen Fernsehen und eine allgemeine diffuse Sehnsucht nach einem „Neustart“, die aus bestimmten Gründen selten umgesetzt wird. Erstmal wenig überraschend seien sich die Menschen im Hinblick auf die Veränderungsbereitschaft global gesehen wohl verblüffend ähnlich: Bis Anfang 20 steigt die Bereitschaft, mit zunehmendem Alter sinkt die Bereitschaft anscheindend kontinuierlich wieder. Ok soweit.

Neben einer gewissen genetischen Disposition macht dieses Verhalten auch aus biographischen Gründen Sinn: Um die 30 haben Menschen im Allgemeinen einen Beruf gewählt, eine feste Partnerschaft und befinden sich im besten Familienplanungsalter. Da macht es Sinn das Bewährte zu vertiefen.

Aufregend dagegen fand ich beim Lesen die Aussage, dass auch Neugier und Bereitschaft zur Veränderung Charaktereigenschaften seien, die sich im Laufe der Zeit vertiefen! Vergleichbar zu Gewissenhaftigkeit oder Stetigkeit, was damit zusammenhänge, dass die menschliche Psyche insgesamt über Zeit stabiler werden würde. Dieser scheinbare Widerspruch bedeutet wohl, dass zwar auch innovationsfreudige Persönlichkeiten „langsamer“ werden, die grundsätzliche Offenheit aber stärker wird.

Das würde auch die „Normalverteilung“ der Veränderungsbereitschaft erklären, wie sie Paul Bayer in „Fukudas Parabel“ anschaulich dargestellt hat: Teams würden sich generell grob einteilen lassen in 10% Innovatoren, die den Wandel tragen und nach Vorteilen fragen, der großen Masse der Abwartenden und weiteren grob 10%, die notorisch dagegen sind und keinen Wandel freiwillig tragen. Jene ersten 10% seien grundsätzlich offen, und beileibe nicht nur junge Menschen.

Dass die meisten Menschen im Veränderungsfall ersteinmal abwarten ist sofort verständlich, ebenso dass aus notorischen Nörglern keine Avantgardisten werden. Trotzdem bleibt die anhaltende Innovationsbereitschaft erstaunlich. Eine weitere Erklärung dafür liefert der SZ-Artikel auf der zweiten Seite:

„Das Gehirn trachtet immer danach, Dinge zu automatisieren, Gewohnheiten auszubilden, und es besetzt dies mit deutlichen Lustgefühlen. Am Bewährten festzuhalten vermittelt das Gefühl der Sicherheit, Geborgenheit und Kompetenz und reduziert die Furcht vor der Zukunft und dem Versagen“, schreibt der Hirnforscher Gerhard Roth“

An Beispiel meiner eigenen Person drängt sich mir dazu der Eindruck auf, dass auch Veränderungsbereitschaft eine „Gewohnheit“ sein könnte, die sich „ausbildet“ und „automatisiert“ wird. Wandel als Geisteshaltung, nach dem Motto „Panta RheiAlles fließt und nichts bleibt; es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln“. Ich würde vor dem Hintergrund die These aufstellen, dass auch fließende Zustände ein Gefühl von „Sicherheit, Geborgenheit und Kompetenz“ vermitteln können. Genauso, wie sich Kleinkinder in fahrenden Autos wohl fühlen und friedlich schlafen, wenn sie einmal daran gewöhnt sind. Dafür spricht auch der letzte Begriff von der „Kompetenz“, denn die innovationsfreudigen Persönlichkeiten, die sich Wandel stellen, entwickeln ja mit jeder neuen Situation tatsächlich Kompetenz im Umgang damit!

Auf der Grundlage ist es für mich offensichtlich, dass man in beabsichtigten Veränderungssituationen niemand zwingen kann die Veränderung wie eine Umstrukturierung oder Software-Einführung mitzutragen. Die Menschen haben jeweils eigene Geschwindigkeiten in der Anpassung und Neuausrichtung, die in Erfahrung gebracht und beachtet werden müssen.

3 Kommentare leave one →
  1. 24. März 2010 09:59

    Für mich persönlich nimmt die Veränderungsbereitschaft zu, weil ich über die Zeit lerne, dass es keine großen Katastrophen gibt und ich die Kraft habe, mit den kleinen umzugehen. Es ist also eher ein Erfahrungsprozess, der Zeit benötigt, aber nicht per se vom Alter abhängt. Veränderung bekommt dadurch überwiegend den Reiz des Lebendigen. Stillstand dagegen wird langweilig und führt zum langsamen Hirn- und Gefühlstod. Aber das empfinden die meisten wahrscheinlich nur, wenn eben die grundsätzliche Neugier da ist.

    • 24. März 2010 13:10

      Hallo Anke,

      ich kann dir nur Recht geben, so ähnlich empfinde ich das auch. Ich für mich nenne das „Krisen-Kompetenz“ – ich weiß aus Erfahrung mit welchem Umfang an plötzlicher Veränderung man umgehen kann. Oder positiver formuliert: Wieviel Potential in unverhofften Chancen steckt wenn die Routine in Frage gestellt wird😉

      „Veränderung bekommt dadurch überwiegend des Reiz des Lebendigen“… Ja, ganz deiner Meinung, schön gesagt. Aber woran liegt das? Liegt es daran dass man sich an die Veränderung und den Wandel gewöhnt? Irgendwann regelrecht darauf „trainiert“ ist? Sich Strategien angeeignet hat damit umzugehen weil es im Laufe der Jahre immer wieder geschehen ist?

      Vielleicht liegt es auch an einem Punkt der im Text schon angesprochen wurde: Das Hirn belohnt Verhaltensroutinen mit Endorphinausstoß, man fühlt sich gut. Ich glaube, irgendwann gehen die grundsätzliche Neugierde und die Erfahrung mit solchen Situationen eine feste Verbindung ein: unser biochemisches System erwartet Wandel und belohnt uns dafür….

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