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Typographie: Von kleinen Buchstaben und den großen Dingen

24. März 2010

Gestern Abend war ich sehr spontan auf einem Vortrag (Form und Wirtschaft) von Gabriele Fischer, der Chefredakteurin des  von mir sehr geschätzten Wirtschaftsmagazins brand eins. Darüber könnte man allein viel sagen, davon aber ein andermal. Mir geht es gerade eher um ein Aha-Erlebnis … Der Vortrag fand bei der „typographischen Gesellschaft“  in einem Münchner Hinterhof statt, am Romanplatz. Biedere Gegend, aber der Hof wirkt wie Kreuzberg. Sehr schön🙂 :

Die 1890 von Setzern und Druckern gegründete, heute europaweit größte Organisation der Typografie-Interessierten versteht sich als eine herausragende Plattform zur Förderung interdisziplinären Denkens und Handelns…

Ich gebe zu mir zu Druck und Typographie bis zu dem Zeitpunkt noch keine Gedanken gemacht zu haben. Dieser Kontext war wohl auch der Grund warum eine Gruppe von jungen Gründern aus Wien eingeladen war sozusagen die „Vorband“ zu geben, die Typejockeys . Sie waren da um ihre neue Schrift namens „Primera“ vorzustellen. Der Moderator kündigte sie auch damit an dass Sie trotz ihrer Jugend schon bald von ihren Schriften leben könnten (Immerhin sind sie auch die Schöpfer von „Ingeborg“. Ja, so heißt die Schrift🙂 ).

In dem Moment rappelte bei mir der Karton! Es gibt Leute die von SCHRIFTEN leben können? Allein davon? Und überhaupt: Vorher war mir noch nie der Gedanke gekommen dass überhaupt noch Schriften entwickelt würden … Gibt es die nicht einfach schon alle?

Deren Sprecher meinte im eigentlichen Vortrag dass die „Entwicklungen von Schriften der letzten 10 Jahre in eine ungute Richtung geführt“ hätten, man wolle da gegensteuern. Und überhaupt, er sprach kurz und knackig was man aus der Gestaltung von … wie heißen die Puppen mit Fäden dran? Handpuppen? … lernen könne über die Gestaltung von Schriften: Wie muss etwas grundsätzlich aussehen damit es auch noch aus der Entfernung bzw. bei kleiner Schriftgröße gut erkennbar sei. Da gibt es wohl Parallelen. Und überhaupt sei die Gestaltung der Serifen wirklich bemerkenswert klar und prägnant. … Wow.

***

Nach der Veranstaltung musste ich der Sache auf den Grund gehen. Ich stellte mich zu den „Jockeys“ und sprach sie darauf an. Direkt. Warum werden heute noch Schriften entwickelt? Warum laufend? Warum sogar nicht ein/zwei sondern viele?

Gegenfrage: „Warum werden neue Autos entwickelt?“

„Weil es neue Technologien gibt die neue Modelle ermöglichen. Plus Marketingaspekte.

„Eben! Neue Schriften gibt es weil es neue Technologien gibt. Z.B. das iPhone. Andere Größe, anderer Bildschirm.“

„Moment“, frage ich, „verstehe ich dich richtig? Neue Schriften werden entwickelt, weil eine Schrift auf jedem Gerät und in jedem Medium anders aussehen kann? Weil neue Medien neue Schriften erfordern? Und weil bestimmte Schriften eben zu bestimmten Inhalten passen – in bestimmten Medien …“

„Genau.“

Aha.

Und das war der Moment in dem mir mal wieder eine neue Definition einfiel was der Begriff „Alter“ oder „Reife“ meint. Wenn wir ein Kind sind ist alles schon vor uns da gewesen. Wir kennen kaum Dinge oder Verhältnisse, die sich entwickelt haben, deren Entwicklung wir beobachten konnten. Alles wirkt … gegeben.

Mir jedenfalls geht es immer noch öfter so, wie heute Abend zu Schriften, dass ich wieder auf einen Aspekt stoße über den ich mir noch nie Gedanken gemacht habe und realisiere, dass sich auch dieses Thema unaufhörlich im Fluss befindet.

Ich stieg auf mein Fahrrad, um durch die schöne klare Frühsommernacht nach Hause zu kommen und war mir wieder darüber bewusst, wieviel Menschen mit Hingabe und Leidenschaft Zeit verbringen mit Dingen, über die ich nie nachdenke und sie für gegeben halte. Soviele Menschen die durch ihre Leidenschaft unsere unfassbar komplexe Welt nicht nur ermöglichen und erschafft haben, sondern sie unaufhörlich immer wieder erneuern… Das Leben ist schön🙂

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