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Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Schaffen Facebook, Google & co. unsere Realität?

30. Mai 2011

In den letzten Wochen stieß ich auf zwei drei fünf sechs neun interessante Beiträge, die mich zum Grübeln gebracht haben. Google, Facebook und co. „wissen“ immer mehr über uns und unsere Vorlieben. Wir füttern sie ständig mit Suchanfragen, Ortsangaben, Statusmeldungen und und und … Auf der Grundlage dieser Informationen wählen diese Dienste immer häufiger das als Relevant für uns aus, das unseren Vorlieben entspricht. Das ist zweifellos komfortabel, aber ich frage mich immer mehr ob der Preis nicht hoch ist?

Der erste Beitrag, der mir zu denken gab, war dieses Video von Eli Pariser auf der TED. Es zielt auf die Frage ab, ob das, was wir von der Welt wahrnehmen, bereits durch Maschinen gefiltert wurde, und damit überhaupt die Wirklichkeit abbildet:

Es beginnt mit dieser Frage:

Mark Zuckerberg, a journalist was asking him a question about the news feed. And the journalist was asking him, „Why is this so important?“ And Zuckerberg said, „A squirrel dying in your front yard may be more relevant to your interests right now than people dying in Africa.“ And I want to talk about what a Web based on that idea of relevance might look like.

Eli Pariser zieht seinen Vortrag mit der Beobachtung auf, dass Facebook im Laufe der Zeit seine konservativen Freunde immer seltener in der Timeline erscheinen lies. Sie waren noch „Freunde“, doch FB entschied auf Grundlage seines Verhaltens innerhalb von FB, dass deren Beiträge für ihn nicht mehr relevant seien.

Bei Google & co. sei es nicht besser. Auf der Grundlage unserer Suchhistorien bekämen wir ein Ergebnis angezeigt, das die Maschine als für uns relevant einstuft. Pariser illustriert das am Beispiel zweier Männer, von denen einer sich für Politik, der andere für Reisen interessiert. Beim Suchgebriff „Ägypten“ wird der eine wohl über den Umsturz Inhalte finden, der andere über Reiseziele… Zwei Beispiele von einigen.

Pariser bezeichnet diese gefilterte Auswahl als „Filter Bubble“. Die Gefahr sieht er nicht darin, dass die Inhalte gefiltert werden. Die Gefahr ist, dass wir gar nicht mitbekommen, dass gefiltert wird, und was gefiltert wird. Das nicht-„relevante“ wird unsichtbar, und kann uns daher auch nicht bereichern.

Dafür allein hätte ich nicht diesen Artikel geschrieben, obwohl es beunruhigend genug ist, wie konstruiert die Welt ist, die wir wahrnehmen. Aber dann stieß ich auf „Facebook klassifiziert mich politisch„, von Heinz Wittenbrink. Die Maschinen konstruieren nicht nur eine spezifische Wirklichkeitswahrnehmung für uns, sie konstruieren sie mittlerweile auch von uns.

Klingt abstrakt, meint folgendes:

Wittenbrink gab als politische Einstellung im FB-Profil „very liberal“ an. FB änderte sein Profil automatisch, und importierte den Wikipedia-Artikel zu „very liberal“, der aber Liberalismus beschreibt, eine moderatere Form. Bestimmt wieder nur aus „Service“-Gesichtspunkten, aber mit unerwünschten Konsequenzen. Ich zitiere ihn einfach:

Das deutet auf eine soziale Änderung hin: Eine wichtige Klassifikation/Selbstklassifikation der Mitglieder einer Gesellschaft funktioniert, jedenfalls bei Facebook, über die Verlinkung mit einem URL, nicht mehr z.B. über die Mitgliedschaft in einer Partei, die Entscheidung bei einer Wahl oder die Lektüre bestimmter Zeitungen.

Dadurch verändert sich die Weise, wie überhaupt Gesellschaft gemacht wird [Hervorhebung d. Autors], denn zur Gesellschaft gehören die Klassifikationen ihrer Mitglieder. Die Verlinkung drückt nicht nur Vergesellschaftung aus, sie ist Vergesellschaftung. Das Facebook-Profil zeigt, auch wenn es mich nicht zwingt, seine Klassifikation zu übernehmen, dass das Web mehr und mehr zur Fabrik der Gesellschaft wird.

Ich gehöre ja selbst zu den Leuten, die im Netz große Möglichkeiten sehen, die eigene Online Reputation zu gestalten. Zum ersten Mal sehe ich aber auch, dass diese Möglichkeiten uns gestalten, bzw. wie wir von außen wahrgenommen werden. Und ist das nicht etwas sehr ähnliches?

Zusammengefasst muss ich sagen, dass mir der Trend nicht gefällt. Ich will keine vorgefilterte Wirklichkeit, die mir bei der Suche als objektiv vorgegaukelt wird. Und ich will auch keine Maschine, die es gut mit mir meint und mich automatisch Weltanschauungen zuordnet, die gar nicht meine sind. Ich empfinde auch das als eine Form von Zensur. Eine Art wohlwollender Zensur. Nein, Danke.

Update: Gerade eben stieß ich auf einen weiteren Artikel zum Thema: Mit Freunden suchen – passend zum Vortrag von Eli Pariser bei TED. Ben Schwan, Autor beim sicher nicht als technologieskeptisch verschrienen Heise-Verlag, hier: Technology Review, tut sich schwer mit der neuen Zusammenarbeit von Bing (Microsoft) und Facebook. Die neueste Entwicklung sieht die Integration der „Like“/“Gefällt mir“-Funktionalität  von Facebook bei Bing vor. Die Idee ist die Bewertungen der „Freunde“ auf Facebook ins Ranking einfließen zu lassen, um z.B. Restaurants entsprechend der Vorlieben von Freunden höher zu gewichten. Das Fazit gefällt mir, daher den ganzen Absatz als Zitat:

Mir kommen bei all diesen „sozialen“ Vorhaben eher unangenehme Gedanken. Will ich erstens überhaupt, dass meine Freunde immer „mitsurfen“? Oder wäre es nicht besser, grundlegend relevante Daten zu erhalten, statt im Saft der eigenen Peergroup zu schmoren? Und, was zweitens noch viel wichtiger ist: Die Zusammenführung von Suche und Netzwerkdaten hat datenschutztechnische Konsequenzen. Blieb man bei einer Suchmaschine normalerweise anonym, ist man das nun nicht mehr, auch wenn sich Microsoft und Google stets beteuern, es würden nur die notwendigsten Daten ausgetauscht.

Update 23.6.2011: Die ZEIT online schreibt ebenfalls über das Thema, beleuchtet das Phänomen ausführlich(er als ich) und bringt weitere, spannende Aspekte in das Thema ein – unter anderem ein sehr spannendes Experiment. Beschreibend, nicht wertend. Lesenswert, vor allem weil oft kommentiert.

Update 27.6.2011: Das Wortgefecht schreibt auch über das Thema. Interessanter weiterer Aspekt: Laut Studie der University of California beschäftigen sich politisch interessierte Jugendliche  im Internet mit verschiedenen politischen Standpunkten. Zwar seien viele Teenager etwa an Politik generell nicht interessiert. Bei politisch oder gesellschaftlich motivierten Usern würden das Web und seine sozialen Netze aber für Diversität sorgen. Demnach ein deutlicher Widerpruch zur Filter Bubble These Eli Parisers...

Update 28.6.2011: Dirk von Gehlen bei sueddeutsche.de schreibt auch über das Thema: „Welt ohne Gegenmeinung„. Die ersten beiden Seiten eine Wiederholung, um was es dabei geht. Er hat das Buch von Eli Pariser gelesen, das hinten raus wohl ganz interessant wird:

Die Idee, die Pariser dabei verfolgt, ist eine Art journalistische Ethik für die filternden Netzfirmen, die als neue Gatekeeper den Nachrichtenfluss bestimmen. Er will Google und Facebook als Öffentlichkeitsakteure in die Pflicht nehmen und nicht als Dienstleister, die Informationen filtern. […] Dafür greift er die Idee einer digitalen Ökologiebewegung auf, die sich für einen Umweltschutz des Informationszeitalters einsetzt und den Nutzern des Web eine Stimme verleiht. Denn entscheidend sei für das verbindende und demokratische Internet, das Pariser als Ideal beschreibt, die Vorstellung vom Nutzer als Bürger und nicht nur als Kunde und Konsumen

Update 3.7.2011: Drei wirklich spannende Beiträge auf „Ich sag mal“ (Hier, hier und hier). Einerseits fundiert über die Auswirkungen, die es hat, wenn Menschen Algorithmen über moralisch/ethische Fragen entscheiden lassen, und andererseits mit guten Fragen, welche Auswirkungen das demokratietheoretisch hat:

Wenn man das Ganze demokratietheoretisch betrachtet, wie Pariser es tut, muss man der Frage nachgehen, wie manipulativ die Filtersysteme im Netz vorgehen. Werden Nachrichten und Meinungen unterdrückt? Gibt es eine zentralistische Instanz, die über Gut und Böse entscheidet? Wirken die Filtersysteme wie ein Gatekeeper und erzeugen einen einheitliches Meinungsklima? Befördern die Algorithmen eine Schweigespirale?

2 Kommentare leave one →
  1. akawee permalink
    3. Juni 2011 15:54

    Hmmm… grübel grübel und studier möchte ich, dass meine Freunde mitentscheiden bei meiner Onlinesuche?
    Einerseits Nein, denn ich möchte selber gewichten was für mich wichtig ist.

    Aber dem Nutzer wird es mit dem f***ing Like button schwer gemacht, denn wenn man auf einer Seite mit einem Facebook Button ist, während man bei Facebook eingeloggt ist, bekommt Facebook bereits schon einmal eine Nachricht über diese Aktivität und kann diese bereits zuordnen, ohne den Button gedrückt zu haben. Denn dieser ist ja nur für das veröffentlichen gedacht.

    Andererseits erfahre ich über den Like Button, über meine Freunde bei FB, neue Inhalte aus dem Web die mich interessieren.

    Fazit:
    Das Thema Datenschutz wird in Deutschland, aufgrund der Geschichte, sehr stark diskutiert. Dabei schwingen die Medien die Angstkeule aber kommen Ihren Auftrag zur neutralen Aufklärung oder Ihrem Lehrauftrag in keinster weise nach. Anstatt mit dem Finger auf die bösen Internetgiganten Google, Facebook und Apple zu zeigen sollten Alternativen vorgeschlagen werden. Verteilen wir doch unsere Suchanfragen auf alternative anbieter wie zum Beispiel hier zu finden http://www.pcfreunde.de/forum/t4593/liste-aller-suchmaschienen/. Damit stärken wir den Wettbewerb und verteilen die Informationen die Bing und Google wichtig sind auf mehreren Schultern.

    Und früher war alles besser?
    Da war vor dem Dorftratsch auch nichts sicher, wir menschen sind numal süchtig nach Tratsch und Klatsch.

    • 5. Juni 2011 13:50

      Interessante Liste an Suchmaschinen, wusste gar nicht dass es noch soviel gibt🙂 MIt ein paar Tagen Abstand und weiterer Offline-Diskussionen zum Thema läuft es für mich immer mehr auf folgende Haltung heraus:

      Einerseits habe ich kein Problem damit dass grundsätzlich Suche immer mehr „social“ wird. In diesem technischen Fortschritt sehe ich einerseits schon einen Fortschritt und eben die Möglichkeit passendere Ergebnisse zu bekommen.

      Andererseits graust´s mir davor, dass die um „social“ erweiterte Suche die einzige Möglichkeit sein soll Ergebnisse zu bekommen. Das empfände ich als einseitig, mit allen im Artikel angerissenen Anzeigen. Du schreibst ja selbst im Kommentar, „ich möchte selber gewichten was für mich wichtig ist.“. So ist es.

      Deshalb fände ich durchgängige Einstellungsmöglichkeiten wichtig und richtig, um je nach Erkenntnisinteresse „social“ an oder ausschalten zu können. Vielleicht sogar die gefilterten Ergebnisse angezeigt zu bekommen, die bspw. für dich ausgewählt worden wären. Nach dem Motto „Was hätte akawee gefunden / angeboten bekommen?“.

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