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Shared Space: Gemeinsamkeiten zwischen Verkehrsplanung und Enterprise 2.0

7. Dezember 2011
Quelle: Wikipedia-Artikel zum Thema

Quelle: Wikipedia-Artikel zum Thema

Ganz ehrlich, ich liebe es wenn sich beim Lesen oder im Gespräch plötzlich unerwartete Querverbindungen zwischen Themen aufdrängen, die man nie erwartet hätte.🙂 Bei diesem Artikel in der ZEIT zu „Shared Spaces“ in der Verkehrsplanung dachte ich parallel ernsthaft an Unternehmen. An Collabortation und IT-Governance, und auch an Wikis. Auf „Wer hier bloggt“ hatte ich noch eher flapsig formuliert dargestellt, wie man von der räumlichen Sozialpolitik ins IT-Consulting kommen kann (roter Faden!), hier wird es jetzt erfreulicherweise deutlicher.

Grundsätzlich geht es um einen relativ neuen Ansatz in der Stadtplanung. Ziel ist es neue Wege zu finden, um hochgradig verregelte Situationen wie hier im Bild rechts zu vermeiden. Solche Schilder- und Regelorgien schaffen gefühlte „Ordnung und Sicherheit“, erzeugen dafür aber tendentiell getrennte Welten für Wohnen, Arbeiten und Verkehr, die nicht urban sind. Die sich nicht nach lebendigem Stadtraum anfühlen, in dem man sich gern aufhält.

Die ZEIT formuliert das fast pathetisch:

Ein großer Zeichen-, ein Bildersturm von calvinistischen Ausmaßen tobt derzeit durch viele Kommunen und räumt alles ab, was den Stadtplanern so heilig war: die Radwege und Bürgersteige, sämtliche Schraffierungen, Markierungen, Schwellen, Planken und Drängelgitter, selbst die Ampeln sollen verschwinden. Was überreguliert war, wird entregelt: Im Shared Space, im geteilten Raum der Städte, soll nichts mehr vorherbestimmt sein.

Kern des Konzepts ist:

  • Statt Trennung von Autoverkehr, Fußgängern und öffentlichem Raum jetzt Vermischung
  • Selbstorganisation statt hoher Regeldichte („Es gilt lediglich das Rechts-vor-links-Gebot, alles andere muss sich weisen.“)

Hanno Rauterberg, der Autor des Artikels, führt weiter aus:

Shared Space weit mehr ist als nur ein Verkehrskonzept. Er verkörpert ein gewandeltes Weltverständnis und verlangt ein neues Bewusstsein: Das lineare weicht dem komplexen Denken, alles Getaktete wird fluid, die strengen Grenzen eines genormten Daseins lösen sich auf. Und anders noch als in den achtziger Jahren, als viele für Verkehrsberuhigung und Spielstraßen eintraten, ist nicht länger Ruhe das Ideal, sondern ein lebendiges Chaos. Planer planen das Ungeplante, einen Raum, der nicht determiniert ist.

Shared Space inkl. Kreisverkehr in Drachten, NL

Shared Space inkl. Kreisverkehr in Drachten, NL

Exakt das war der Moment, an dem ich an Wikis dachte. An Emergenz. An Collaboration-Umgebungen, die einen möglichst dezent ordnenden Rahmen vorgeben für unerwartete Zusammenarbeit zur Lösungsfindung, und Entwicklung von Neuem. „Raum für Ungeplantes“ eben …

Die Parallele ist offensichtlich, die auch Microsoft mit der Evolution von Sharepoint beschreitet: Weiterentwicklung vom Intranet 1.0, das stark reglementiert ausschließlich Information anbietet, aber wenig Mitwirkung zulässt, zu einem kombinierten System aus redaktionell betreuten Teilen und Collaboration-Bereichen, die Mitwirkung anbieten und – in Maßen – Mitwirkung geradezu einfordern.

Das zweite Bild (via) zeigt einen Shared Space in Drachten, NL, zu meinem Vergnügen gleich mit Kreisverkehr. In der Vergangenheit habe schon einmal die Analogie von Kreuzung zu Kreisverkehr für das Thema verwendet (Blogartikel zu disruptiver Innovation). Denn der Siegeszug des Kreisverkehrs zeigt aus meiner Sicht deutlich, worin der Unterschied zwischen Intranet 1.0 und – jetzt – kollaborativen Intranet 2.0, mit Wikis als Kernelement, besteht:

  • Selbstorganisation
  • Selbstverantwortlichkeit
  • Hohe Fehlertoleranz
  • Flexibilität
  • Geschwindigkeit

Auf die Parallele zwischen Stadtplanung und IT ist Rauterberg auch selbst gekommen, denn er weißt darauf hin, dass sich in ganz unterschiedlichen Bereichen Ansätze mit ähnlichen Grundgedanken herausgebildet haben:

Interessanterweise begegnen sich in diesem Bedürfnis nach ungelenkter Begegnung gleich zwei Entwicklungen, die eine im realen, die andere im digitalen Raum. Auch das Internet lässt sich ja als eine Art Shared Space begreifen, dort sind sogenannte Open Spaces ungemein populär, in denen beliebige Themen von beliebig vielen Menschen diskutiert werden können, selbst organisiert und selbst verantwortlich. Die dafür nötige Technik wurde um 1985 in den USA von Harrison Owen entwickelt, genau zur selben Zeit, in der ein gewisser Hans Monderman in dem Dorf Oudekaste im niederländischen Friesland seine ersten Experimente mit schilderlosen Straßen unternahm, die ihn später zum Urvater der Shared-Space-Bewegung machen sollten. Owen wie auch Monderman wurden früh mit ähnlichen Vorbehalten konfrontiert: Das liberalisierende Moment des Open und des Shared Space, die anarchische Kraft, die hier zutage tritt, scheint bis heute viele Menschen zu schrecken.

***

Insgesamt bringt mich der Artikel von Hrn. Rauterberg auf ein paar abschließende Gedanken:

  • Collaboration“ ist nicht einfach nur ein anderer Begriff für „Zusammenarbeit“. Es ist eine andere Art von Zusammenarbeit, die sich aus einem veränderten Verständnis heraus entwickelt, wie sich Menschen organisieren dürfen und sollen – sei es im Verkehr, in Unternehmen, oder auch Politik (siehe z.B. „Liquid Feedback„)
  • Die ganzen kollaborativen Web 2.0-Werkzeuge sind deswegen wiederum auch keine Modeerscheinung, sondern ein Ausdruck dieses Wertewandels. Sie werden vielleicht ihre Form ändern, neuen Werkzeugen Platz machen, in anderen Features aufgehen, aber nicht mehr grundsätzlich verschwinden.
  • Stichwort „Governance„: Das Beispiel Kreisverkehr und/oder Shared Space zeigt uns, dass Regelwerke zur Zusammenarbeit schlank sein dürfen – vielleicht sein müssen -> „Es gilt lediglich das Rechts-vor-links-Gebot, alles andere muss sich weisen“. Ein „Rechts-vor-links-Gebot“ im Unternehmen wäre z.B. eine Zugriffsberechtigung oder Bearbeitungssperre für sensible Inhalte im Intranet. Ganz klar. Als Herangehensweise könnte man sich auf der anderen Seite immer fragen, welche Beschränkung für die tatsächlich notwendig ist? Brauch man wirklich die ganzen Ampeln, Bürgersteige, Radwege, Schilder, Sperrzonen etc.? Oder wäre der Aufwand nicht besser investiert in gutes Change Management, das Angst und Vorbehalte nimmt? In Empowerment der Belegschaft? (Wikipedia: „Strategien und Maßnahmen, die geeignet sind, den Grad an Autonomie und Selbstbestimmung im Leben von Menschen oder Gemeinschaften zu erhöhen und die es ihnen ermöglichen, ihre Interessen (wieder) eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmt zu vertreten und zu gestalten„)
2 Kommentare leave one →
  1. 10. Januar 2012 22:44

    Ich finde die Idee des Shared Space richtig gut und werde versuchen, das in meiner Heimatstadt befördern. Dabei finde ich es gut – wie auch bei Enterprise 2.0 – dass der User/Mensch wieder im Mittelpunkt steht und zur Herstellung der Organisation des Systems die Kommunikation und der gegenseitige Austausch viel stärker in den Mittelpunkt rückt.

  2. 13. Januar 2012 11:21

    Grüß dich Christoph,

    klingt spannend dass ihr das Thema bei euch umsetzen wollt – ich lass mir auch gern mal bei Gelegenheit davon erzählen. …
    Ich bin ein bisschen überrascht davon, wieviele Leute täglich auf der Suche nach „Shared Space“ auf meinem Blog landen. Habe mir vorgenommen deswegen in einem weiteren Artikel zu beleuchten, wo die Gemeinsamkeiten räumlicher Sozialpolitik und Enterprise 2.0 liegen. Auch hier „steht der Mensch wieder im Mittelpunkt“, damit „Kommunikation und der gegenseitige Austausch viel stärker in den Mittelpunkt“ rücken. VG!

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