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Niedergang der Science Fiction als Symptom: Über den Mangel an positiven Zukunftsentwürfen

5. Februar 2012

Sonst beschränke ich mich hier im Blog seit Jahren ausschließlich auf sachliche und/oder berufliche Themen. Heute aber will ich eine Ausnahme machen, für einen Artikel auf Telepolis: „Science-Fiction am Ende?“ (Link zum Artikel). Es geht darin um den bedauerlichen Niedergang des Genres, das heute meist „militanter Stumpfsinn“ ist, von dem einst Stanislaw Lem sagte es sei ein Container „für Ideen, für die die Menschheit heute noch nicht bereit ist“.

Früher (und vor allem in der osteuropäischen SF) waren die Raumfahrer vor allem Entdecker und Forscher auf der Suche nach „Brüdern im All und im Geiste“, von Neugier und Wissbegierde bis an den Rand des Universums getrieben, gewissermaßen mit einem Ölzweig im Schnabel – heute sind sie Eroberer, allerorten präsente Streitmacht oder Patrioten und Superhelden im Dienste irgendwelcher pseudoaristokratischer Weltherrscher

Ich mein, das mag jetzt banal scheinen. Ist doch nur eine bestimmte Art von Film und Literatur, oder?

Aber ich glaube dass es nicht nur um ein Genre geht. Aus meiner Sicht spiegelt diese Entwicklung grundsätzliches wieder: den Verlust der Utopie (lies: positiver Gesellschaftsentwurf, auf die Zukunft gerichtet) in unserer Gesellschaft. Das mein ich im Ernst. Folgendes Zitat meint zwar das Genre selbst, lässt sich aber fast verallgemeinern:

Heute sind an die Stelle der Weltentwürfe und kühnen Was-wäre-wenn-Gedankenexperimente, der Visionen und Prophezeiungen, der Aufklärung und Warnung billige Horrorszenarien getreten, die einzig und allein als Rechtfertigung für möglichst viele Ballerszenen herhalten müssen.

***

Ein positiver Gesellschaftsentwurf, den ich in den letzten Jahren wahrgenommen habe, ist der des Bedingungslosen Grundeinkommens. Einer der wenigen. Eine Idee mit der ich sehr sympathisiere. Ihr liegt ein positives Menschenbild zugrunde, das von Eigeninitiative und von (Selbst-)Verantwortung ausgeht. Die Idee geht dahin, dass Menschen, deren Grundbedürfnisse befriedigt sind, Zeit haben für das was sie gern tun – für andere, forschend, Unternehmen gründend. … Zu dem Thema würde ich z.B. gern mal einen „Science-Fiction“-Film sehen. Wie könnte der Übergang ablaufen? Wie würde der Alltag aussehen?

Beim Gedanken an zeitgenössische Science-Fiction fallen mir stattdessen Dystopien wie z.B. das deutsche „Die kommenden Tage“ ein, angesiedelt in der näheren Zukunft. Ein aus cineastischer Sicht bemerkenswerter Film, der sich Zeit für die Charaktäre nimmt, und den ich sicher nochmal sehen werde. Angenehmerweise handelt es sich nicht um einen Ballerfilm, sondern einen, der versucht gesellschaftliche Mechanismen abzubilden, und wie sich einzelne Menschen, jeder auf seine Weise, damit arrangieren. Andererseits ist es eben wieder eine Dystopie, keine positive Idee der Zukunft.

Und das ist der Kern des Problems. Mir fallen – neben dem unterschätzten Contact keine utopischen Science-Fiction Filme ein. Und gleichzeitig fällt mir auf, dass wir generell einen Mangel an Utopien haben. Das Bedingungslose Grundeinkommen ist der fast der einzige positive Gesellschaftsentwurf, der mir einfällt – eine Ausnahme wäre noch das technologische Konzept des „Smart Grid„, das für die intelligente Vernetzung von Energiekonsumenten und -produzenten steht (Lesetipp).

Ich mein, ist das nicht furchtbar?? Wenn man so an die Themen denkt, die die Zukunft ausmachen werden, was fällt einem dann ein? Etwas aus der Mode gekommen sind Umweltverschmutzung/Waldsterben und Atomenergie/Atomkrieg. Aktuell fürchten wir uns vor dem Zusammenbruch der Wirtschaft generell (siehe „Die kommenden Tage“), oder vor „dem“ Islam/islamistischem Terrorismus. Oder auch vor der demographischen Entwicklung, synomym zu „Überfremdung“.

Nach meiner Wahrnehmung ist das Beste, was unserer Gesellschaft anscheinend passieren kann, die Konservierung des Status Quo.  Mal im Ernst, es kann doch anscheindend nur schlechter werden …

***

Wiederentdecktes GlückZurück zur Science-Fiction. Der Film „Children of Men“ von 2006 ist eine Dystopie herrlichster Machart, ebenfalls in der nahen Zukunft angesiedelt. Grundidee des Plots ist die Frage, wie sich eine Gesellschaft entwickelt, in der keine Kinder mehr geboren werden, und die damit innerhalb von Jahrzehnten verschwinden wird. Interessant ist an „Children of Men“ vor allem die Filmmusik!

Verwendet wird nämlich fast ausschließlich die Musik aus den 60ern, z.B. „King Crimson“. Leider kann ich die Quelle nicht mehr zitieren, aber laut einer Filmkritik dazu sei die Musikauswahl ein permanenter Hinweis auf die Zeit, als unsere westliche Kultur das letzte Mal positive Utopien hervorgebracht hat. Das stimmt, finde ich. Das zeigt eindrücklich das Cover des Comics „Wiederentdecktes Glück“.

Man kann sich persönlich positionieren zu den „68er“-Ideen, wie man möchte, aber niemand wird bestreiten, dass dieses Coverbild Wärme ausstrahlt. Mir fallen spontan Begriffe ein wie Harmonie, Selbstbewusstsein, Einklang mit der Natur / Umweltschutz, Kunst, Kreativität, entspannte Sexualität … Positiver geht es kaum noch, finde ich. Interessanterweise stammt dieser Comic aus dem Jahr 1983 – jedenfalls meine Ausgabe – aber es zeigt komprimiert einen bestimmten Zeitgeist, eine bestimmte Erwartungshaltung wie das Zusammenleben in der Zukunft aussehen könnte …

***

Warum also die Ausnahme, heute „privat“ zu schreiben? Bin mir da selbst nicht sicher … Ich sehe auf jeden Fall eine Parallele zwischen dem Thema des Blogs und dem Verständnis des Genres Science-Fiction, wie Stanislaw Lem sie hatte: Beide Male geht es um die Weiterentwicklung des Status Quo. Das ist mir persönlich wichtig … Und auch dem Verständnis von Enterprise 2.0 liegt grundsätzlich eine positives Menschenbild zugrunde (Text zu Vertrauenskultur 1 und Vertrauenskultur 2). Besser kann ich es im Moment nicht sagen.

8 Kommentare leave one →
  1. Michael W. permalink
    5. Februar 2012 22:26

    Kann ich nur 100% zustimmen! Mich hat einmal jemand nach einem Vortrag von mir zum Thema „Citybranding“ gefragt, ob es denn unbedingt Visionäre benötigt, um einer Stadt eine zukunftsfähige, nachhaltige Marke zu geben. Mein überzeugtes „Ja“ bezieht sich dabei nicht nur auf die Stadt, sondern auf die Gesellschaft! Träumen ist verboten! Menschen wie Leoluca Orlando, Ricardo Semler und auch Steve Jobs zeigen aber, was Träume (nicht anderes sind letztendlich auch Science Fiction auf eine bestimmte Art) für eine Macht haben! Die Nasa z.B. hat vieler Ihrer Experten aus der „Trecki-Ecke“ gewonnen!

  2. 5. Februar 2012 22:34

    Hallo Michael,

    Stadtentwicklung ist ein spannendes Thema, mit dem ich mich gern häufiger befassen würde …

    Ich habe mich ja noch gefragt, ob ich diesen Artikel in meinem Quasi-Techblog veröffentlichen soll. Denn beruflich beschäftige ich mich mit dem Aufbau von Intranetportalen in Unternehmen, mit Schwerpunkt Web 2.0/Enterprise 2.0. Aber dann wurde mir klar, „Vision“, oder „Utopie“ i.S.e. positiven Erwartungshaltung, ist der gemeinsame Nenner. Ohne eine Vision, eine positive Grundhaltung, funktioniert Collaboration nicht.

  3. Christopher L. permalink
    7. Februar 2012 10:57

    Interessante Aspekte dazu finden sich auch in folgenden Telepolis-Artikel:
    http://www.heise.de/tp/artikel/36/36184/1.html – Science Fiction am Ende?

    • 7. Februar 2012 11:05

      Hallo Christopher, danke für den Hinweis.

      Da der Link auf diesen höchst lesenswerten Artikel auf Telepolis jetzt sowohl im ersten Absatz als auch in den Kommentaren steht, wird ihn sicher auch niemand übersehen😉

      VG, Ludwig

  4. 18. April 2012 08:58

    Das Ende der Science Fiction ist glaube ich einfach nur eine Nostalgiebewegung, bei der Menschen einer bestimmten Generation die Science Fiction ihrer Jugend vermissen. Man meint, Science Fiction wäre dann eben Clarke, Dick, SIlverberg, Simak, Lem etc. (ja, ich mag auch King Crimson🙂 ). Und klar vermisst man auch den Zukunftsenthusiasmus der 60er, nicht zuletzt auch durch die Raumfahrt verkörpert.
    Aber es gibt auch in den letzten Jahren interessante Science Fiction (zumindest in der Literatur), wie der köstliche „Accelerando“ von Stross oder die Romane der Nanoqueen Linda Nagata. Das ist halt nur anders . . .
    Vielleicht ist es auch ein Zeichen der Reife, in der Science Fiction nicht mehr blank utopisch zu sein, sondern die Welt etwas komplexer und mit mehr Pfaden und Möglichkeiten zu betrachten. Diese Entwicklung sehe ich auch schon in der „klassischen“ Science Fiction. Waren die Anfangsromane der Strugatskis noch utopisch aufbruchsorientiert (wie Atomvulkan Golkonda) sind Romane wie „Picknik am Wegesrand“ schon bewegend düster, aber auch komplexer und faszinierend. Desgleichen beim zitierten Lem. Handelt „Solaris“ nicht von der Unmöglichkeit vieler Dinge?
    Selbst wenn ich die fehlende Zukunftsorientierung bei vielen auch schade finde, sehe ich selbst da Gegenbewegungen (z.B. aktuell „Abundance“ von Diamondis, selbst wenn das keine SF ist🙂 )

    Stephan Magnus
    Das Abenteuer Zukunft

    • 18. April 2012 18:47

      Grüß dich Stephan,

      ich hoffe es ist ok wenn ich dich duze? Über deinen Kommentar habe ich mich sehr gefreut.

      Da ist was dran, an dem was du da sagst. Ich gehöre zwar nicht zu besagter Generation, die die SciFi der Jugend vermisst (bin 36 Jahre alt), aber vermutlich hat es auch mich geprägt. Wenn ich deinen Kommentar so lese, fällt mir auf, dass ich Film-Sci-Fi meine, nicht aber Literatur.

      Insofern hast du mir einige Anregungen gegeben, die ich gern aufnehmen werde, inkl. Besuch auf deinem Blog, wenn ich in zwei Wochen wieder mehr Luft für Muse habe.

      Viele Grüße aus dem Berliner Hotelzimmer🙂
      Ludwig

  5. 23. Juni 2013 12:34

    Ein schöner Text, den ich leider zu spät entdeckte, um ihn einzubeziehen (aber jetzt noch verlinkte) beim relativ aktuellen eigenen Debattenbeitrag: Erinnerungen an die Zukunft: “Science-Fiction” oder “Scientology”. Wie steht es um unsere Ideen der Zukunft?

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