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Was ist Collaboration? (1): Auf jeden Fall mehr als Zusammenarbeit plus Web 2.0-Tools

10. April 2012

Bei meiner Arbeit als Sharepoint-Consultant stoße ich immer wieder auf die gleichen Schlüssenbegriffe: Collaboration, Wissensmanagementund Enterprise 2.0. Schon bevor ich in Sharepoint eingestiegen bin, hatte ich oft den Eindruck dass diese Begriffe zwar oft, aber oft auch ungenau verwendet werden. Dieser Eindruck ist geblieben. Schon lange wollte ich diesen Schlüsselbegriffen mal systematisch auf den Grund gehen. Auch, um die Qualität meiner eigenen Arbeit zu verbessern.

Deshalb starte ich heute eine Reihe von Blogartikeln, in denen ich mich damit auseinandersetze, in welchem Verhältnis Collaboration, Wissensmanagementund Enterprise 2.0 zueinander stehen. In dieser Reihenfolge, denn ich habe den Eindruck dass diese Begriffe aufeinander aufbauen. Voilá:

Was ist „Collaboration“?

„Collaboration“ ist ein englischer Begriff, „Zusammenarbeit“ deutsch. Am Anfang meiner Recherche bemühte ich also leo.org, und schaute wie das Wörterbuch eigentlich bestimmte Begriffe übersetzte:

  • (DE) Zusammenarbeit = Collaboration / Cooperation
  • (DE) Kooperation = Cooperation / Collaborative Supply Chain
  • (ENG) Collaboration = Kollaboration / Kollektivarbeit / Mitarbeit / Schulterschluss / Zusammenarbeit
  • (ENG) Cooperation = Beteiligung / Entgegenkommen / Kooperation / Mitarbeit / Miteinander / Mitwirkung / Zusammenarbeit

Das ist unbefriedingend. Zusammenarbeit ist Collaboration ist Zusammenarbeit ist Cooperation ist Beteiligung und Mitwirkung und wieder: Zusammenarbeit. Kein Erkenntnisgewinn.

***

Dass es sich dabei nicht um ein deutsches Phänomen handelt, sei exemplarisch an diesem Link dargestellt: in einer Studie von AIIM zu den Verwendungszwecken von Sharepoint 2010. Was mit Collaboration gemeint ist ging aber aus dem Text nicht hervor. Sehr schön ist vor allem der Blick auf die Graphik links (vergrößern durch anklicken): Collaboration wird synonym für  Workspace und Teamsite verwendet. „Collaboration“ ist demnach alles was in Teamsites und Workspaces (?) stattfindet.

***

Der nächste Versuch war die deutschsprachige Wikipedia zu Kollaboration:“Collaboration“ gibt es in der deutschen Version nicht, nur „Kollaboration“. Dazu heißt es:

Der Begriff der Kollaboration wird heute aber – den begriffshistorischen Kontext ignorierend – auch in vielen Zusammenhängen, etwa in den Wirtschaftswissenschaften, als Synonym für Zusammenarbeit (s. dort) verwendet, wohl auch, weil der Begriff Zusammenarbeit in englischen Texten im Begriff collaboration seine Entsprechung hat

Genauso unbefriedigend. Entweder der Begriff steht für Nazis, oder für: Zusammenarbeit.

***

In den bisherigen Beispielen ging es sogar nur um den Begriff der „Zusammenarbeit“, sogar noch ohne die Ergänzung um Web 2.0-Tools. Mein Eindruck, und auch der von einigen willkürlich interviewten Kollegen😉 läuft auf folgendes allgemeines Begriffsverständnis hinaus:

  • Collaboration ist Zusammenarbeit mit Web 2.0-Tools. Oder:
  • Collaboration ist Zusammenarbeit mit Web 2.0-Tools in virtuellen Teams, mit räumlich verteilten Mitgliedern, die auch ad hoch projektbasiert zusammenarbeiten
Zum Vergrößern anklicken

Zum Vergrößern anklicken

Die zweite Definition ist sicher besser. Die findet man auch oft, z.B. in dieser Präsentation von Henrik Gustafson und Oscar Berg. Auf Folie 20 heißt es, „Business is much more than just information: Relation, Conversation and Information“. Das heißt, in der täglichen Zusammenarbeit geht es um Information, die über Konversation ausgetauscht wird, auf der Basis von Beziehungen – so ist das auch graphisch dargestellt. Das geht jetzt einen Schritt weiter. Da ist der Schritt von der Kodifizierung zur Personifizierung drin.

Ein weiteres Beispiel aus der deutschprachigen Welt wäre hier: Im Comunardo-Blog schreibt Ilja Hauß auch über den „Collaboration-Workplace“ im Sommer 2011 folgendes, gekürzt:

  • Der Collaboration Workplace ersetzt keine Geschäftsanwendungen wie CRM, ERP, SCM etc., sondern ist die übergreifende Ergänzung […]
  • Nicht das Social Software Tool als solches ist ausschlaggebend, sondern die Änderung überholter Arbeitsweisen d. h. zum Beispiel die Veränderung zur wikibasierten Konzeption vs. Dokumentenerstellung, […]
  • Mit dem Collaboration Workplace reduzieren wir nicht “Emails, Posts oder Nachrichten”. Vielmehr sind wir der Überzeugung, dass wesentlich mehr, intensiver und umfassender kommuniziert werden müsste […]

Auch noch im bekannten Rahmen bewegt sich die pointierte Betrachtung von Klint Finley im ReadWriteWeb-Blog. Er schreibt zu populären Irrtümer über Collaboration unter anderem:

  • The right tools will make us collaborativ
  • People instinctively know how to collaborate

Tools allein machen also die Handlung „Collaboration“ noch nicht aus, und die Mitarbeiter wissen nicht instinktiv wie diese Handlung funktioniert – oder was von Ihnen erwartet wird …

***

Die bisherigen Definitionen reichen nicht. Denn es gibt interessante Überlegungen, dass auch die  Beherrschung und korrekte Nutzung der Web 2.0-Tools durch die Mitarbeiter (i.S.v. „Befähigung“) in ergebnisorientierten Arbeitsprozessen innerhalb virtueller Teams noch keine Collaboration macht! Schade, hätte mir Arbeit erspart …

Collaboration LearningWann also ist die Handlung „Collaboration“ dann gegeben? Diese Definition gibt die englischsprachige Wikipedia zu Collaboration:

  • Most collaboration requires leadership, although the form of leadership can be social within a decentralized and egalitarian group
  • Collaboration is working together to achieve a goal
  • It is a recursive process where two or more people or organizations work together to realize shared goals,
  • this is more than the intersection of common goals seen in co-operative ventures, but a deep, collective, determination to reach an identical objective
  • for example, an intriguing endeavour that is creative in nature— by sharing knowledge, learning and building consensus.

Im Gegensatz zur rudimentären deutschen Version stecken hier ein paar Hinweise auf das drin, was ich im zweiten Teil aufbauen möchte:

  •  Ein Hinweis zur damit verbundenen Unternehmenskultur ist drin: Leadership in selbstorganisierten dezentralen Gruppen. Nicht unwesentlich.
  • Es geht, klar, um die Erreichung gemeinsamer „Ziele“ („goals“) durch kooperatives Verhalten, aber in einem erweiterten Sinne:
  • Es geht um einen kollektiven Entschluss / Festlegung („determination“), um alle identische „Ziele“ („objectives“) zu erreichen. „Ziel“ hier nicht als „Ergebnis“, sondern eher als Zustand definiert? … Da steckt auf jeden Fall ein Prozess des Nachdenkens und der begründeten Entscheidungsfindung drin.
  • Um das zu erreichen wird Wissen geteilt, gelernt und Konsens gefunden. Zusammenfassend formuliert: „Collaboration“ als modernere Zusammenarbeit bezeichnet demnach die Erreichung von konsensual festgelegten Zielen im Arbeitsprozess, auf der Basis von Wissensmanagement und gemeinsamen Lernen !!

***

Daran schließt sich der zweite Teil optimal an, in dem ich mich ausschließlich mit den Thesen auseinandersetze, die ich in „A framework for social learning in the enterprise“ fand. Die übersetzte Wikipedia-Definition weißt den Weg, der in den nächsten Teilen ausgearbeitet wird:

 

17 Kommentare leave one →
  1. 10. April 2012 10:42

    Ein wichtiger Aspekt zum Thema Zusammenarbeit und Wissensmanagement (ob nun auf Deutsch oder auf Englisch formuliert) wird meines Erachtens hier nur angeschnitten.

    Denn die Erreichung gemeinsamer Ziele und gemeinsames Wachsen sind primär eine Frage der inneren Haltung. Dabei Wissen zu teilen ist sicherlich ein wichtiger Punkt, bei dem dann auch Sharepoints oder Wikis & Co helfen können. Allgemeiner formuliert könnte man auch sagen, dass Collaboration/Zusammenarbeit bedeutet, dass viele Individuen sich einbringen für ein großes, übergeordnetes Ziel oder: für ein Optimum im Gesamtsystem.

    Leider ist – wie ich finde – immer noch sehr häufig zu beobachten, dass in unserer heutigen Gesellschaft ziemlich stark der Satz „Wissen ist Macht“ gelebt wird, mit der Konsequenz dass Wissen zur besseren Positionierung eines Individuums nicht geteilt sondern für sich behalten wird, im Sinne eines Suboptimums.
    Ob die oben beschriebene Haltung mit Hilfe von technischen Hilfsmitteln erreicht werden kann, bin ich mir nicht ganz sicher. Es ist aber aus meiner Sicht unabdingbare Voraussetzung für eine effiziente, nutzenbringende Anwendung von Web 2.0.

    • 10. April 2012 19:52

      Grüß dich Christina,

      und danke für den ausführlichen Kommentar. Für sich gesehen gebe ich dir bei vielen Punkten Recht, aber vielleicht reden wir aneinander vorbei.

      Recht hast du, dass zu so definierter Collaboration, und auch gelebtem Wissensmanagement, eine Kultur des Teilens gehört. Im Interesse aller. Darüber habe ich auch schon gebloggt, hier: http://wp.me/pdWed-A7 und hier: http://wp.me/pdWed-Au. Völlig außerhalb jeder Diskussion ist deine Feststellung, dass sich eine Haltung nicht mit technischen Hilfsmitteln erreichen lässt. Ich glaube, das würde so auch niemand behaupten🙂

      Aber darum (Kultur, Führung, …) geht es auch nicht. Dieser Artikel ist erst der erste von dreien, ich baue also hier erstmal auf, was Collaboration alles NICHT ist. Um dann auf die Aspekte des systematischen sozialen Lernens einzugehen.

  2. 24. September 2013 09:13

    Hallo Herr Höfer,

    ich möchte mich persönlich bei Ihnen bedanken, dass Sie diesen sehr informativen Artikel bereitgestellt haben und das Meiste konnte ich sehr gut verstehen.

    Habe Ihren Artikel mal in meinem G+ Stream aufgenommen und würde mich freuen, wenn Sie mir an der ein oder anderen Stelle selbst folgen würden. Ich sammle und verteile gerne gute Wissensfundstücke aus dem Netz.

    Freundliche Grüße, MM.

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