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Was ist Collaboration? (2): Viel eher Social Learning, als nur Zusammenarbeit

16. April 2012

Bei meiner Arbeit als Sharepoint-Consultant stoße ich immer wieder auf die gleichen Schlüssenbegriffe: Collaboration, Wissensmanagementund Enterprise 2.0. Schon bevor ich in Sharepoint eingestiegen bin, hatte ich oft den Eindruck dass diese Begriffe zwar oft, aber oft auch ungenau verwendet werden. Dieser Eindruck ist geblieben. Schon lange wollte ich diesen Schlüsselbegriffen mal systematisch auf den Grund gehen. Auch, um die Qualität meiner eigenen Arbeit zu verbessern.

Um das umzusetzen habe ich mit den folgenden Artikel vor wenigen Tagen die Grundlagen aufbereitet:

  1. Was ist “Collaboration”? Auf jeden Fall mehr als Zusammenarbeit plus Web 2.0-Tools
  2. Komplexe Systeme und Emergenz: wichtig um “Collaboration” und “Enterprise 2.0″ zu verstehen

These:

Zwischenfazit war folgende Definition von Collaboration: “Collaboration” als modernere Zusammenarbeit bezeichnet demnach die Erreichung von konsensual festgelegten Zielen im Arbeitsprozess, auf der Basis von Wissensmanagement und gemeinsamen Lernen !!

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Dem gehe ich hier weiter auf den Grund, auf Grundlage des unbedingt lesenswerten Artikels A framework for social learning in the enterprise im FASTForward Blog…

Grundüberlegungen:

Hier im Groben die Argumentationsstruktur im FASTForward Blog:

  1. Auf dem Weg ins 21. Jhd. haben sich Arbeitsbedingungen von Einzelgängertum über Hierarchien hin zu Netzwerken gewandelt
  2. Für die Zusammenarbeit in Netzwerken unterscheidet Autor Jon Husband Knowledge, Pracitioner und Learning. „Learning“ ist das, was der „Practioner“ macht, um sein Tagesgeschäft erledigen zu können, und baut „Knowledge“ auf. „Learning“ ist ausdrücklich nicht „Training“!
  3. Nach Jay Cross werden vergangene und zukünftige Formen des „Social Learning“ gegenübergestellt.
  4. Nach Jane Hart werden nach einem leider nicht mehr zugänglichen Modell fünf Lerntypen aufgeschlüsselt, die sich als sehr hilfreich herausgestellt haben
  5. Den Abschluss macht eine Zweiachsen-Matrix, in der der Begriff Collaboration nach „Komplexität“ und „Anwendung“ eingeordnet wird.

Aus meiner Sicht folgen die Schlüsselsätze des Textes direkt nach dem ersten Punkt:

  • Learning and work happen as groups and how the group is connected
  • Individual Learning in organizations is basically irrelevant! […] Learning really spreads through social networks …
  • [Daraus folgend:] Social Learning is how groups work and share knowledge (to become better practicioners)

Die Kernaussage ist damit deutlich: für Zusammenarbeit ist das individuelle Lernen zweitrangig. Damit  Zusammenarbeit funktioniert, muss für die Erledigung der Arbeit Raum zum sozialen Lernen geschaffen werden. Und soziales Lernen steht und fällt damit, wie Gruppen zusammenarbeiten und ihr Wissen teilen -> Collaboration.

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Die Gegenüberstellung von Jay Cross – siehe 3) – wirkt auf den ersten Blick unspektakulär, hilft aber hinten raus das Modell unter 5) besser zu verstehen. Vor allem die Veränderung von „Stocks“ zu „Flow“, und der Wechsel von „Clockwork, predictable“ zu „Complexity, surprising“ (Vgl.):

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Das nächste Modell der fünf Lerntypen unter 4) finde ich ziemlich spannend -> so spannend dass ich es sicher in Teil 3 verwenden werde (Entwurf eines Collaboration-Umfelds in Sharepoint). Denn es integriert auch das bekannte, klassisch formale Lernen in einen größeren Zusammenhang mit anderen Lernformen, die logisch abgrenzbar sind. Formales Lernen ist ein Aspekt, mit dem ich mich hin und wieder befasse, z.B. hier in diesem Artikel:

Die Ebenen in dieser Matrix unterscheiden sich in „Organisation“ / „Gruppe“ / „Individuum“, sowie (frei übersetzt) von links nach rechts: „unbestimmt“, „spontan“ / „selbstbestimmt“ oder „selbstgerichtet“ / „fremdbestimmt“. Klassisches formales Lernen wäre in diesem Modell „FSL„, individuell und fremdbestimmt, was Klassen, Kurse und auch Workshops beinhaltet. Im Artikel sind übrigens alle Lernformen ausführlich erläutert, das lohnt sich zu lesen.

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Den Abschluss – siehe 5) – und eigentlichen Gegenstand des Artikels von John Husband bildet folgendes Modell, das „Collaboration“ als höchste Form des Lernens in einer Matrix aus Komplexität und Anwendung zeigt:

  • Documentation ist im Modell die bevorzugte Lernvariante, wenn niedrige Komplexität des Gegenstands bei gleichzeitig niedriger momentaner Anwendung gegeben ist. Im Modell ist richtig auch von „explicit knowledge“ die Rede, also irgendwie verschriftlichten Informationen, bestenfalls mit Kontext.
  • Training – analog zu formalem Lernen, wie ich vermute – ist eine gute Wahl bei niedriger Komplexität und aktuell hoher Anwendung. Eben Schulung, Kurs oder Workshop.
  • Conversation unter Mitarbeitern ist dagegen die Wahl, wenn es um niedrigen Anwendungsbezug bei einem Gegenstand hoher Komplexität geht. Im Gegensatz zur Documentation geht es hier nicht um explicit, sondern tacit knowlegde, also implizitem Wissen, das nur in den Köpfen der Mitarbeiter steckt, aber nicht verschriftlicht wurde. Conversation kann aber auch bedeuten, dass über das kommuniziert wird, das explizit festgehalten wurde …
  • Collaboration: noch war an keiner Stelle von „Zusammenarbeit“ die Rede🙂. Die kommt erst jetzt mit Collaboration – definiert als emergentes Handeln in Situationen hoher Anwendung (also konkreter Arbeit) und hoher Komplexität

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Düne: zeigt emergente Eigenschaften

Soviel zum Artikel von J. Husband. Ich machte für mich schnell die Erfahrung, dass diese „Complexity/Application“-Matrix keinen Sinn macht ohne eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Begriffspaar Komplexität und Emergenz.

Komplexität ist ein Begriff, der uns Politikwissenschaftlern gut bekannt ist, denn, wie die Wikipedia richtig sagt, jedes soziales System ist ein komplexes System. Das macht es leicht dieses Thema zu denken. Das heißt: Wenn Unternehmen soziale Systeme sind (zweifellos), dann sind auch Unternehmen komplexe Systeme. Und: Zusammenarbeit in Unternehmen folgt den Regeln, die aus den Eigenschaften komplexer Systeme ergeben – inkl. Emergenz, womit sich der Kreis schließt …

Um das im Detail zu verdeutlichen habe ich folgenden Artikel geschrieben: Komplexe Systeme und Emergenz: wichtig um “Collaboration” und “Enterprise 2.0″ zu verstehen.

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Schlussfolgerungen und Erkenntnis:

Mit diesem Wissen im Hinterkopf finde ich die Überlegungen von John Husband ziemlich überzeugend.

  • Wenn man Komplexität und Emergenz als Eigenschaften des Systems „Unternehmen“ voraussetzt, dann ist klar dass das System nicht nur in der Lage sein muss auf Unvorhergesehenes (Innen und Außen) zu reagieren, sondern auch aus sich heraus neue Ansätze / Lösungen zu entwickeln, die sich nicht aus der Weiterentwicklung des Bestehenden ergeben. Kreativität ist notwendig.
  • Wenn man das voraussetzt, dann macht auch die Tabelle unter 3) von Jay Cross viel Sinn: Komplexität in und außerhalb von Unternehmen nimmt zu, und wird weiter zunehmen. Die Dynamik steigt. Wenn Wandel zur Kontinuität wird, dann muss auch Lernen zur Kontinuität werden. Und zwar nicht nur rückblickend (Best Practice), sondern auf die Zukunft bezogen (Kreativität und Innovation) – siehe auch hier, hier und hier zum Einsatz von Sharepoint-Wikis.
  • Und wenn man voraussetzt, dass die Hauptarbeit in Unternehmen (arbeitsteilig) von Gruppen erledigt wird, dann ist logisch dass Lernprozesse der unterschiedlichen Ebenen systematisch verknüpft werden sollten: das zufällige individuelle Lernen, das selbstbestimmte individuelle Lernen gemeinsam mit dem gruppenbezogenen selbstbestimmten Lernen – das „Social Learning“.

Was folgt aus diesen Überlegungen?

  • Collaboration nur als Zusammenarbeit mit mehr Features definiert wird der Bedeutung des Begriffs nicht gerecht.
  • Collaboration nur als Zusammenarbeit mit mehr Features definiert beraubt ein Unternehmen seiner Möglichkeiten und gefährdet auf lange Sicht den Unternehmenserfolg

***

  • Bei der Konzeption von Intranets inkl. Funktionen der „Zusammenarbeit“ sollte man die Umsetzung entsprechend denken: nicht nur die Umsetzung linearer Zusammenarbeit plus Web 2.0-Tools zu planen, sondern das ganze als fortlaufenden Lernprozess zu konzeptionieren
  • Das ganze sollte den altbekannten Anforderungen des TOM-Modells plus Kultur entsprechen (Gelegenheiten zum Lernen, Leadership, Fehlerkultur)
  • Bezogen auf Sharepoint: Frage, ob und welche Unterschiede der Aufbau einer „Collaboration“-Umgebung macht, wenn man Collaboration als fortlaufenden sozialen Lernprozess denkt? Gibt es Unterschiede? Und falls ja, welche?
  • Zitat John Husband:

Building capabilities from serendipitious (ASL) to personal-directed (PDL) and then group-directed learning (GDL) help to create strong networks for intra-organizational learning

 

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