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Unternehmenskultur und das mittelalterliche Rechtsverständnis …

17. Oktober 2012

Haben wir historisch gesehen „Anerkennung“ gelernt?

Unternehmenskultur ist für mich – auch hier im Blog – immer wieder ein Thema. Von Beruf her Sharepoint-Consultant ist meine Arbeit erstmal technisch. Gleichzeitig hat sich allerdings herumgesprochen, dass „Collaboration“ und „Wissensmanagement“ über ein bestimmtes Level hinaus nicht ohne eine bestimmte Unternehmenskultur funktionieren. Ich nenne es mal eine Kultur des Vertrauens, der der Selbstorganisation und der Anerkennung – beschrieben auch hier und hier.

Bei der Gelegenheit frage ich mich oft warum wir uns eigentlich so oft im Alltag und besonders in Unternehmen so schwer tun mit Anerkennung und Vertrauen, obwohl doch jeder von sich selbst weiß dass das gut tut und anspornt.

Am Sonntag allerdings kam mir mal wieder so ein Gedanke … beim Besuch des Kriminalmuseums in Rothenburg ob der Tauber. Vielleicht tun wir uns so schwer, weil Bestrafung und Disziplinierung eher unserem kulturellen Erbe entspricht? Ist es schon eine gewaltige zivilisatorische Leistung dass wir darüber hinaus denken und versuchen anders zu handeln?

Das mittelalterliche Weltbild und Rechtsverständnis

Quelle: Microsoft Images

Bis in die Neuzeit hinein war die Vorstellung von Welt und Gesellschaft eine sehr hierarchische. Die gesellschaftliche monarchische Ordnung wurde als gottgegeben erachtet, was man z.B. an Herrschaftsansprüchen „von Gottes Gnaden“ sehen kann. Ein Modell dieses Konzepts zeigt Adel und Klerus an der Spitze, Bewaffnete in der Mitte und Volk als Basis: Dargestellt wurden Adel und Klerus als Schäfer, die Bewaffneten als Hunde und der große Rest als Schafe. Passend dazu auch die Einschätzung von den Gläubigen als „Herde Gottes“.

Im Eingangsbereich des Kriminalmuseums Rothenburg o.t.T. informiert eine unscheinbare Tafel über das frühere Rechtsverständnis. Vor dem Hintergrund der gottgegebenen Ordnung wurden „Verbrechen“ lange Zeit als Verstoß gegen die gottgegebene Ordnung verstanden. die Gott erzürnt. Der zürnende Gott verlangt demnach Besänftigung in Form von Strafe.

Hinzu kam noch ein Menschenbild das den Menschen als „in Sünde geboren“ ansah. Zum Beispiel Kinder:Wenn Menschen in Sünde geboren werden, dann sind Prügelstrafen nicht nur in Ordnung, sondern sogar eine Pflicht gegenüber dem Kind und gegenüber Gott: um die arme Seele zu retten. So ähnlich verhielt es sich wohl auch mit der Auffassung über die Wirkung von Strafen.

Damit die gottegebene Ordnung aufrechterhalten wird, wurde das tägliche Zusammenleben in der Vergangenheit laut Kriminalmuseum durch eine Vielzahl von Regeln und vor allem Strafen gesteuert:

Die Polizeiordnungen zeigen, wie durch Kleider-, Hochzeits- oder Taufordnungen bis in den privatesten Bereich regiert wurde. […] Der Ablauf des mittelalterlichen Strafprozesses, Instrumente der Folter und Geräte zum Vollzug der Leibes- und Lebensstrafen werden gezeigt, ebenso die für den Betrachter teilweise erheiternden Geräte zum Vollzug der Ehrenstrafen, die Halsgeigen für zänkische Frauen, Schandmasken oder Pranger.

Das mittelalterliche System der Strafen

Folter gab es damals zur genüge, und sie spielt auch eine größere Rolle im Kriminalmuseum, ist aber relativ uninteressant für diesen Artikel. Wer möchte, dem sei diese Seite auf der Website des Kriminalmuseums empfohlen, auf der kurz das starre Reglement angerissen wird, innerhalb dessen der Einsatz von Folter überhaupt erlaubt war: Link

Sehr viel interessanter als der Ausnahmefall Folter sind nämlich die Reaktionen auf alltäglichere Vergehen mit schwächeren Strafen. Die im Zitat genannten „Ehrenstrafen“ taugen aus meiner Sicht sogar als Oberbegriff für alle im Museum dargestellten Strafen, die für „Vergehen“ zur Anwendung kamen – selbst bei den Hinrichtungsmethoden wurde nach Stand unterschieden. Die Verhängung einer Ehrenstrafe hieß immer den zu Bestrafenden vor den Augen der Gemeinschaft in seiner Ehre zu packen, und immer innerhalb der Gemeinschaft sichtbar in der Hierarchie herabzustufen! Z.B. so …

Pranger: waren ein beliebtes Mittel jemanden in der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen. Letztlich eine sichtbare Freiheitsberaubung mit der Möglichkeit den angeprangerten noch zu piesacken. Durch Bewerfen mit Dreck, oder durch Drehmechanismen, die Schwindel verursachen.

Schandmasken: Schandmasken wurden verwendet um die Verfehlung noch zu visualisieren, und die Schande zu vergrößern. Beliebt war es wohl auch, die Maske der jeweiligen Verfehlung entsprechend zu wählen. Also eine Schweinemaske für „Schweinisches“, Eselsmasken für … hab ich vergessen.

Heiratsregeln: Es gab auch ausgefeilte Regeln für Frauen, die heiraten wollten und vorher Unzucht getrieben hatten, und/oder unehelich geboren hatten. Die „Wirtshausheirat“ war z.B. für diejenigen, denen die Kirche aufgrund von „Hurerei“ nicht dafür zur Verfügung stand. Harmlos war da schon die fehlende Erlaubnis mit dem offenen Haar der Jungfrau zum Altar zu schreiten. … so konnte jeder schon anhand der Kleidung und dem Ort erkennen, mit wem er es sozial gesehen zu tun hat.

Fazit

Das ist jetzt natürlich wilde Spekulation, aber mir drängt sich der Eindruck auf dass diese historische Erfahrung Spuren hinterlassen hat, die uns bis heute prägen. Nehmen wir mal die grundsätzliche Haltung zur Natur des Menschen: Der Mensch ist gut vs. Der Mensch ist schlecht ist eine Haltung die kaum je ändert.

Wenn der Mensch von Natur aus schlecht ist, schuldig ist oder Schuld auf sich lädt, dann muss er für das Zusammenleben / für die Rettung der Seele diszipliniert werden. Das galt damals grundsätzlich, und gilt auch heute noch oft, nur ohne den religiösen Überbau. Ich würde fast sagen dass auch heute die Mehrheit vom Schlechtem im Menschen ausgeht …

Hinzu kommt: Im damaligen Rechtsverständnis wurde das System selbst nicht grundsätzlich in Frage gestellt, sondern der darin lebende Mensch an dieses System optimiert, eben gestraft und diszipliniert.

Angesichts dieses Rechtsverständnisses und dem dahinterstehenden Weltbild des schon ab Geburt sündigen Menschen: wundert sich da jemand dass wir uns in unserer Kultur mit Anerkennung und positiven Anreizen manchmal schwer tun? Teil unserer kollektiven Geschichte ist das jedenfalls nicht😉

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