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Kreativität: Rahmenbedingungen für den Motor der Innovation

6. November 2013
(c) Chris Luongo

(c) Chris Luongo

Mit Innovation bzw. den Rahmenbedingungen, die die IT zur Verfügung stellen kann, befasse ich mich immer wieder gern. In den letzten Wochen begegnete ich immer wieder einem Aspekt von Innovation, mit dem ich mich bislang noch nicht auseinandergesetzt habe: „Kreativität“.

Wieder eins dieser für diesen Blog typischen Themen, das erstmal überhaupt nix mit IT zu tun hat, aber dafür mit dem Systembestandteil, der die Inhalte liefert. Der Mitarbeiter. Und für den das System designt werden muss.

Denn die Frage ist z.B. ob Kreativität erzeugt werden kann? Oder wenigstens ermöglicht werden? Unter welchen Bedingungen sind Menschen kreativ? Lässt sich das systematisch steuern? …

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Xing-Forum: „Abgrenzung von Innovation zu Ideen und Kreativität“

Im Rahmen des Management 2.0-MOOC wurde ich kürzlich erstmals darauf aufmerksam, diesen Aspekt bislang noch nie betrachtet zu haben. Simon Dückert schrieb im Thread „Abgrenzung von Innovation zum Begriff Ideen und Kreativität“ folgendes:

KREATIVITÄT ist bei Menschen eine notwendige Voraussetzung, damit sie überhaupt auf IDEEN kommen. Die Idee haben wir von der ERFINDUNG abgegrenzt, die im Prinzip die Idee zur Reife bringt, also z.B. in ein Konzept oder ein Prototyp. Zur INNOVATION bedarf es dann noch der Verbreitung oder verbreiteten Anwendung der Idee oder Erfindung.

Aber wann sind Menschen kreativ?  Allein oder mit anderen? Genau da hätte ich voll daneben gelegen:

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Das soziale Umfeld ist der Schlüssel zur Kreativität

Genau gesagt stieß ich auf einen spannenden Artikel auf psychologienachrichten.de, einem eher populärwissenschaftlichen Portal. Der Artikel hatte den vielversprechenden Titel „Das Soziale Umfeld ist der Schlüssel zur Kreativität„.

"Plualism". Marcel Ceuppens

„Plualism“. Marcel Ceuppens

Kreativität ist demnach keine Eigenschaft genialer Individuen, sondern eher das Ergebnis von gruppendynamischen Prozessen:

 … Teil einer Gruppe zu sein oder nicht bewegt Menschen dazu, sich besonders kreativen Herausforderungen zu stellen […]. “Die Gruppenzugehörigkeit ist eine Grundlage dafür, dass bestimmte Formen von Originalität angesehen oder zurückgewiesen werden”, so Dr. Haslam […].

“Unsere Forschungsergebnisse unterstützen das Argument, dass Genies und kreative Menschen zu einem großen Teil Produkte der Gruppen und Gesellschaften sind, in denen sie leben.”

Gruppe? Zugehörigkeitsgefühle? Bestimmte Formen von Orginalität werden angesehen oder zurückgewiesen? … Bin ich der einzige der hier „Communities“ hört?😉

Aber es geht noch weiter im Artikel, nämlich zum Aspekt „Publikum„:

“Die Sex Pistols beispielsweise bauten ihre Kreativität darauf auf, Konventionen zu brechen und Altbewährtes in Frage zu stellen,” so Dr. Postmes. “Allerdings macht Punk nur im Zusammenhang mit dem Sinn, wovon er sich distanzieren will. Man kann die Kreativität des Punk nicht ohne Bezug zu etabliertem Denken verstehen.”

Die Rolle der Gruppe oder Gemeinschaft besteht auch darin, ein Publikum für Kreativität zu sein und das Umfeld zu bilden, in dem Kreativität sich entfalten kann, argumentieren die Forscher.

Und hier werden die „Communities of Interest“ nochmal deutlicher herausgearbeitet, ohne so genannt zu werden:

“Künstler, Schriftsteller und Naturwissenschaftler schaffen ihre kreativsten Arbeiten oft dann, wenn sie mit einem oder mehreren anderen zusammenarbeiten – mit gleichgesinnten Freunden, Kollegen oder Altersgenossen.” Dr. Adarves-Yorno sagt, die Forschungsergebnisse zeigen, dass es die Akzeptanz oder Ablehnung durch die Gruppe ist, die den ultimativen Wert der Kreativität bestimmt.

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Die Gruppe ist für Kreativität wichtig, aber nicht jede Art von Verbindung: Weak Ties

Aber warum denk ich jetzt an das Konzept der Communities of Interest (CoP) und nicht Communities of Practice (CoI)? Ich würde beide folgendermaßen definieren:

  • CoP: Eine Gemeinschaft von Leuten, die über einen gemeinsamen, prozessualen Arbeitsgegenstand dauerhaft miteinander verbunden sind
  • CoI: Eine Gemeinschaft von Leuten, die über ein gemeinsames Interesse an einem Thema miteinander verbunden sind, was auch nur temporär der Fall sein kann

Conny Dweak ties strong tiesethloff brachte in einem Thread im Rahmen des Management 2.0-MOOCs ein Konzept ein, das vor einigen Jahren ausgiebig diskutiert wurde, die Weak Ties:

Ich erkläre mir das so. Mit Menschen, mit denen ich mich häufig und oft umgebe, bilde ich auf einer Metaebene einen größeren Konsens aus, als mit Menschen, die ich nicht so häufig verkehre. Ich rede einfach öfter mit ihnen und kenne ihre Meinungen und Gedanken aus Gesprächen, jedenfalls das was ich aus dem Gesagten der Menschen in für mich verwertbare Information umwandle. Informationen sind aber eben nur dann Informationen, wenn sie einen Unterschied machen, also etwas Neues für mich darstellen

André Oksas stieß ins gleiche Horn und betonte das divergierende Denken, also Denken das von den aktuellen Gewissheiten in Frage stellend abweicht und die Grundlage für die Entwicklung neuer Ideen darstellt. Für kreatives Denken eben:

Diese Weak Ties erweitern das für den Kreativprozess so wichtige divergierende Denken. Wenn ein Team schon geraume Zeit versucht eine harte Nuss zu knacken, dann wird mit der Zeit es immer unwahrscheinlicher, dass der entscheidende Impuls für eine Innovation aus diesem Team kommen kann.

***

Peter Kruse über Kreativität und kreative Systeme

Als ich das las schloss sich wieder ein Kreis für mich. Denn kürzlich erst beeindruckte mich ein kurzes Interview mit Peter Kruse, in dem er Kreativität, oder besser: die Eigenschaften kreative Systeme, erörterte

Kernaussagen im Video:

  • Kreativität lässt sich nicht erzeugen oder fordern. Sie lässt sich nur durch systemische Rahmenbedingungen ermöglichen > indirekte Möglichkeitsräume
  • Einer der indirekten Möglichkeitsräume von Kreativität ist Diversity
  • Intelligente Systeme sind immer Systeme, die mit internen Spannungsmustern arbeiten
  • Interne Spannungsmuster erzeugen instabile Phasen > Instabile Phasen erzeugen die Möglichkeit zum Übergang zu neuen Ordnungsmustern
  • Empfehlung daher: Spannung im System erhöhen!
  • Einheitlichkeit vermeiden. Harmonische Systeme sind dumme Systeme
  • Wenn neue Ordnungsmuster erwünscht sind, dann muss die Unterschiedlichkeit im System erhöht werden. Störungen zulassen, Netzwerke ermöglichen > erzeugt Kreativität im System
  • Empfehlung: Systeme bauen, die stören. Systeme, die nicht stören, sind immer stabilitätsorientierte Systeme

Ich sehe hier deutliche Anklänge an das „Weak ties“-Konzept, ohne dass es so genannt wird. Systeme, die nicht stören, sind nach Kruse immer stabilitätsorientierte Systeme. Aber sie sind dann keine kreativen Systeme. Das ist auch der Grund warum ich irgendwann in der Zukunft gern mal als Corporate Disorganizer arbeiten würde😉

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Systematische Verwendung kreativer Prozesse im Innovations- und Arbeitsprozess

Und noch ein Kreis schloss sich. Im April 2013 schrieb ich bereits über die „Rolle von Activity Streams für die Erzeugung neuen Wissens„. Basierend auf einem Artikel von Harold Jarche ging es um den Beitrag, den ein Activity Stream in einem Intranet im Rahmen des Wissensmanagements leisten kann.

Das zugrundeliegende Modell ließt sich von rechts oben nach links unten: Social Networks (Communities of Interest) > Communities of Practice > Teams

(c) Harold Jarche

(c) Harold Jarche

Die Gedanken zu Kreativität passen wieder gut zu meinen damaligen Überlegungen:

Nach Jarche fließt dieses anlassbezogene neue Wissen aus Sozialen Netzwerken über Communities in die eigentlichen Teamarbeitsbereiche. Activity Streams sind in diesem Modell sowas wie “Brutstätten” neuer Ideen, die in Communities verfeinert und gefiltert werden, bevor sie als entwickeltes neues Kernwissen für zielorientierte und strukturierte Zusammenarbeit zur Verfügung stehen.

Fazit

Im Unterschied zu April 2013 machen Überlegungen zu Kreativität deutlicher, wie der Teil eines Systems ausgestaltet werden sollte (technisch / organisational), in dem Ideen entwickelt werden. Wieder einen Baustein mehr erschlossen.

 

5 Kommentare leave one →
  1. 10. März 2014 14:24

    Prinzipiell teile ich, was im Artikel dargestellt ist. Ich möchte jedoch hervorheben, dass jeder Mensch auch allein einen gewissen Einfluss auf seine Kreativität hat:

    http://www.apliki.de/usability-engineering/mit-4-einfachen-tricks-zu-mehr-kreativitaet-im-ui-design

    • 10. März 2014 14:37

      Ganz Ihrer Meinung, was individuellen Einfluss auf Kreativität betrifft. Den einen Aspekt herauszugreifen ist ja selten so gemeint, dass automatisch andere Aspekte damit ausgeschlossen sind – sie werden einfach nur nicht erwähnt.

      Hier im Artikel ging es mir eben um kollaborative Innovationsprozesse, weswegen „Kreativität“ hier einen stark sozialen Charakter hat.

      VG, M. L. Höfer

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