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Was ist Collaboration? (5) = Structured Collaboration + Social Collaboration?

1. April 2014

Das Problem: Ein Begriffswirrwar

Manchmal bin ich genervt. Immer dann wenn nach meinem Empfinden Dinge mit einem Wort bezeichnet werden, die eigenltlich kaum zueinander passen. Vor allem dann, wenn die der einheitliche Begriff eher für Verwirrung sorgt, statt für Klarheit zu sorgen. Stellen Sie sich z.B. vor, jemand würde Stockholm, Neapel, und alles was dazwischen liegt, einfach als „Europa“ bezeichnen. Das wäre noch ok, wenn es um die Abgrenzung gegenüber „Nicht-Europa“ geht, aber die Unterschiede in Lage, Architektur und Kultur würde der einheitliche Begriff eher verdecken als herausarbeiten.

Genauso geht es mir mit dem Begriff „Collaboration„.

***

UPDATE 12.4.2014: In der Wissenschaft gibt es die schöne Tradition, in einer wissenschaftlichen Arbeit zu benennen, um was es geht, und auch um was es ausdrücklich nicht geht. Das sollte ich als Blogger mit meinem Schwerpunkt auch öfter machen. Also …

Gegenstand des Artikels oben war meine Unzufriedenheit mit dem Begriff “Collaboration”, darunter wird zuviel zu unterschiedliches subsummiert, worunter wieder die Aussagekraft leidet.

Nicht Gegenstand des Artikels sind weitergehende Überlegungen, inwieweit sich “Collaboration” von “Cooperation” oder “Communication” abgrenzt. So ein Blogartikel ist halt doch ein bisschen begrenzter… Danke an die Kommentatoren für die vielen Anregungen!🙂

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Collaboration taugt als Begriff noch ganz gut, um Vorgänge zu beschreiben, die man salopp bezeichnen kann „als das, was Menschen im Arbeitsprozess miteinander machen“. Die Unterschiede, wie Menschen zusammenarbeiten, beschreibt der Begriff allerdings nicht. Mein Unbehagen habe ich vor einiger Zeit schon mal in einem Artikel zusammengefasst, aus dem die folgende Graphik stammt:

 

Was ist Collaboration 4Die Graphik zeigt von links nach rechts unterschiedliche Kontexte von Zusammenarbeit, die deutlich machen dass es sich hierbei nicht um die gleiche Art von Arbeitsprozess handeln kann – auch wenn der Oberbegriff dafür oft der gleiche ist.

Diese Begriffsunschärfe ist für uns Consultants ein Problem, da es die Konzeption von Lösungen schwieriger macht, sowie der dazugehörigen Einführungsstrategien. Und es macht Probleme für den Kunden, weil es unnötig schwer fällt, die eigenen Bedürfnisse zu bschreiben.

Folgende Varianten nehmen ich wahr, im beruflichen Alltag, in Fachbeiträgen, in Blogs:

  1. Verwendung des Begriffs Collaboration ohne weitere Unterscheidung, für alles von stark prozesslastigen Anwendungen bis hin zur halb-öffentlichen Unterhaltung im Enterprise Social Network
  2. Verwendung von Collaboration und Social Collaboration synonym, wobei im Grunde das Verständnis von Variante 1. zugrunde liegt
  3. Verständnis von Collaboration als klassische Zusammenarbeit, auch prozesslastig und nah am Dokument, und Social Collaboration für die klassische Zusammenarbeit, aber mit zusätzlicher Tool-Ebene, die Kommunikation über den Prozess bzw. das Dokument eröffnet.

***

Ich seit einger Zeit verwende den Begriff „Collaboration“ kaum noch. Ich trenne mittleweile systematisch zwischen „Structured Collaboration“ und „Social Collaboration“. Für mich gilt:

Collaboration = Structured Collaboration + Social Collaboration

Der Grund ist die folgende Graphik, die 2012 im Netz herumging, und hier im Blog beim Urheber verlinkt ist. Gegenstand sind die grundsätzlichen Bestandteile eines Digital Workplace:

Digital-Workplace-NetJMC-framed

Überzeugend an der Graphik von NetStrategy finde ich die klare Unterscheidung, von links nach Rechts gelesen als „Structured Collaboration vs. Social Collaboration“:

  • Struktur vs. Offenheit
  • Zielorientierung bei der Zusammenarbeit vs. unvorhersehbares Ergebnis
  • Koordinierte Abstimmung für den Zweck vs. offener iterativer Austausch
  • Arbeit vs. Entdecken, diskutieren und Entwickeln

Nicht alle Begriffe im Schaubild überzeugen mich, aber die Grundidee sehr wohl. Im Artikel „Schnittmengen zwischen MOOCs, Collaboration und Wissensmanagement“ verwendete ich genau diese Unterscheidung.

***

Vorteile der Begriffsunterscheidung

Folgende Vorteile sehe ich bei der Verwendung der genaueren Begriffe:

  • Nicht jede Collaboration ist Social Collaboration. Wir können Social als das bezeichnen, was Social ist, und den Rest eben nicht.
  • „Social“ bezeichnet dann nicht nur „Zusammenarbeit plus Tool“, sondern eine bestimmte Art von Ergebnissen, die auf eine bestimmte Weise zustande kommen.
  • Das, was man früher als „Prozessmanagement“ bezeichnet hat, verschwimmt so nicht im allgemeinen „Collaboration“, sondern wird durch „Structured Collaboration“ deutlicher hervorgehoben
  • Die Unterscheidung eröffnet mehrere Variablen, anhand derer die Bedürfnisse des Kunden klarer evaluiert werden können, z.B. Strukturierungsgrad des Austauschs, Ergebnisoffenheit, etc. …

 

12 Kommentare leave one →
  1. 1. April 2014 15:50

    Hat dies auf http://www.ne-na.de rebloggt.

  2. 1. April 2014 16:16

    Hallo Ludwig.

    Als studierter Soziologe kann ich Deinen Ärger über unklare Begriffe mehr als nachvollziehen. Nur leider schafft mir Deine Unterscheidung „social“ vs. „structured“ nur bedingt Klarheit. Denn „sozial“ sind doch wohl beide Formen der Zusammenarbeit. Warum also nicht einfach strukturiert vs. unstrukturiert?

    Dabei glaube ich schon zu verstehen, worauf Du abzielst. Bei der „social“ Variante handelt es sich um eine nicht vorstrukturierte Zusammenarbeit, deren Ergebnisse als Emergenzphänomene des Sozialen erscheinen. Sei es die schrittweise Evolution von produktiven Verfahrensweisen aus wiederholten Interaktionen oder die plötzliche hochinnovative Idee aus einem Brainstorming … gerade in der Offenheit der Zusammenarbeit liegt das kreative Moment.

    Die „structured“ Collaboration erscheint als mir die typische Wissensarbeit in Projektstrukturen. Zeit, Budget und Ziel strukturieren ebenso wie Projekthierarchie und Verfahrensweisen der Projektorganisation. Gleichzeitig ist sie aber dennoch weit weniger hierarchisch und vorstrukturiert als das daily business in der Abteilungshierarchie.

    Letztlich ist die Reduzierung komplexer Phänomene auf wenige Schlagworte allerdings ein grundlegendes Problem – gerade im Consulting. Sie scheint notwendig, um Kunden Konzepte zu verdeutlichen, verkürzt aber oft unzulässig und ist gleichzeitig ein Einfallstor für Trittbrettfahrer und Scharlatane. Manchmal braucht es m.E. einfach ein paar Worte mehr, um die Dinge zu erklären🙂

    Herzliche Grüße

    Alexander

  3. 1. April 2014 18:07

    Hallo Alexander,

    ich glaube wir denken da in eine ähnliche Richtung, freut mich. Klar ist „Collaboration“ per se ein sozialer Vorgang. „Strukturierte-“ vs. „Emergente Collaboration“ wäre aus meiner Sicht auch präziser. Leider aber ist Social Collaboration ein eingeführter Begriff, sodass man damit arbeiten muss.

    Der Begriff Social Collaboration hat den Nachteil dass er den Fokus auf „Social Media“ lenkt, also das Tool, und weg von der Art und Weise, wie die Ergebnisse zustande kommen. Bzw. was die Ergebnisse sind.

    Einerseits ist das gut, weil es typischen IT-lern erlaubt sich dem Thema aus deren Komfortzone heraus zu nähern. Andererseits macht es die Dinge wieder schwieriger, da man extra erklären muss dass es spätestens hier NICHT um das Tool, sondern die Arbeit damit geht. Mein Lieblingsbild ist dafür immer die Gegenüberstellung von klassischer Kreuzung und Kreisverkehr.

    Viele Grüße aus München
    Ludwig

    • 12. April 2014 10:15

      PS: Kaum eine Woche nach der Veröffentlichung des Artikel stieß ich auf den neuen Slogan: „It takes a network to serve a network“ – http://futuristablog.com/the-future-is-the-connected-company/

      Der gefällt mir gut, und legt den Begriff „Network Collaboration“ nahe, als Alternative zu „Social Collaboration“. Dazu fällt mir gleich der Peter Kruse ein, der meinte, dass eine Organisation unter komplexen Bedingungen arbeiten muss, um mit dem komplexen Organisationsumfeld fertig zu werden.

      Vermutlich schreibe ich darüber in den nächsten Wochen, wenn wieder mehr Zeit ist.

  4. Peter Madlener permalink
    1. April 2014 21:03

    Hallo Robert,
    das ist ein wertvoller Impuls, mal über den Begriff „kollaborativ“ etwas genauer nachzudenken und die allgemeine Verwendung zu hinterfragen.
    Ein möglicher Ansatz kann sein „kollaborativ“ vs. „kooperativ“ zu betrachten. Analog dem Ansatz von Alexander Stoll unstrukturiert vs. strukturiert.

    Letztlich geht es in beiden Fällen um Zusammenarbeit. Ich denke aber, dass es einen grundlegenden Unterschied gibt, wie diese Zusammenarbeit erfolgt.

    Während beim kooperativen Arbeiten jedes Gruppenmitglied eine Teilaufgabe übernimmt und diese am Ende zu einer gemeinsamen Lösung zusammenfügt werden, steht beim kollaborativem Arbeiten der Austausch und Diskurs in der Gruppe im Vordergrund.
    Bei ersterem können die Einzelbeiträge eindeutig zugeordnet werden. Bei Ergebnissen aus kollaborativem Arbeiten ist das nur sehr bedingt möglich.

    Gerne möchte ich auch die von dir begonnene Gegenüberstellung von Begriffen erweitern.

    kollaborativ – kooperativ
    iterativ – inkrementelle
    agile – waterfall
    komplex – kompliziert
    Optionen – Positionen
    zirkulär – linear
    Netzwerk – Räderwerk
    systemisch – systematisch
    Wissensaustausch – Wissensbesitz
    Selbstverantwortung – Zentralverantwortung
    entwickeln – machen
    paradox – widerspruchsfrei

    Bei meiner speziellen Betrachtung scheint mir der Begriff „Structured Collaboration“ in sich widersprüchlich. Ich glaube, dass „Structured + Cooperative“eher zusammenpassen.
    Was dann auch wieder besser zum Prozessmanagement passt.

    Herzliche Grüße
    Peter

    • 1. April 2014 21:22

      Hallo Peter,

      das sind nützliche Ergänzungen, die Gegenüberstellung passt auch aus meiner Sicht zum Begriffspaar „Structured“ vs „Social“. Damit seid ihr schon zu zweit, die den Begriff „Social Collaboration“ wenig zielführend finden.

      Peter, inwiefern ist „Structured Collaboration“ aus deiner Sicht in sich widersprüchlich? VG

    • 12. April 2014 10:22

      In der Wissenschaft gibt es die schöne Tradition, in einer wissenschaftlichen Arbeit zu benennen, um was es geht, und auch um was es ausdrücklich nicht geht. Das sollte ich als Blogger mit meinem Schwerpunkt auch öfter machen. Also …

      Gegenstand des Artikels oben war meine Unzufriedenheit mit dem Begriff „Collaboration“, darunter wird zuviel zu unterschiedliches subsummiert, worunter wieder die Aussagekraft leidet.

      Nicht Gegenstand des Artikels sind weitergehende Überlegungen, inwieweit sich „Collaboration“ von „Cooperation“ oder „Communication“ abgrenzt. So ein Blogartikel ist halt doch ein bisschen begrenzter … Ich kenne diese Abgrenzung übrigens auch aus der IT-Version des 3C-Modells: Collaboration, Communication und Cooperation, als Pyramide angeordnet.

      Was nichts daran ändert dass deine Überlegungen sinnig sind, auch wenn ich im Detail im Moment nicht folgen kann. Magst du selbst einen Artikel darüber schreiben?🙂

  5. 2. April 2014 07:25

    Hallo Ludwig,
    und jetzt hoffentlich mit dem richtigen Namen, sorry.
    Der Begriff “Social Collaboration” passt schon, denn es beschreibt die Zusammenarbeit von Menschen. Im Speziellen, eine unstrukturierte Zusammenarbeit. Wenn die Zusammenarbeit strukturiert ist, also einem Plan folgt, dann ist es soziale Kooperation. Du hast das auch als „klassische Zusammenarbeit“ bezeichnet.
    Damit möchte ich sagen, dass soziale Zusammenarbeit sowohl strukturiert (klassisch) (kooperativ), aber eben auch unstrukturiert (nicht klassisch) (kollaborativ) erfolgen kann.
    Ich danke, dass wir es mit zwei unterschiedlichen Mustern in der Zusammenarbeit zu tun haben. Vor Allem aber mit Phasenübergängen zwischen diesen Mustern, die wir nicht immer bewusst wahrnehmen.
    Sobald Tools mit in das Spiel kommen ist ein Übergang von unstrukturierten Mustern zu strukturierten Mustern sehr wahrscheinlich. Besonders dann wenn es um die Integration in die klassischen Geschäftsprozesse geht.
    Herzliche Grüße
    Peter

    • 12. April 2014 10:17

      Klingt interessant, sehr abstract, und Wert dass man das mal vor einem Whiteboard / Flipchart diskutiert🙂

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