Skip to content

Governance-Begriff der IT: Was die Politikwissenschaft beitragen könnte (1)

14. April 2014

Manchmal bin ich ein bisschen genervt. Z.B. immer dann wenn nach meinem Empfinden Dinge mit einem Wort bezeichnet werden, die eigentlich kaum zueinander passen, wie z.B. bei „Collaboration„. Und auch dann, wenn ein Begriff kopiert, und die Hälfte der Bedeutung dabei vergessen wird. Nein, ich meine hier jetzt mal nicht MOOC, ich meine in dem Fall: Governance.

IT-Governance

In der IT begegnet mir der Begriff als Consultant ständig. Governance meint aus meiner Sicht ein detailliertes Konzept, um eine Umgebung zu betreiben, und sie vor allem im Betrieb zu verwalten/steuern. Das beschreibt die Architektur der Plattform, die Prozesse, die Benutzerverwaltung inkl. Rollenkonzept, Site Templates und Provisioning-Vorgänge (um chaotisches Wachstum zu vermeiden oder Aktualität der Inhalte zu gewährleisten) und vieles mehr… Zusammengefasst ist das IT-Governance-Konzept ein Regelwerk, das exakt beschreibt was geliefert wird, in allen Ausprägungen.

Das ist alles richtig, und wichtig. Ganz klar. Als Bild stell ich mir so ein Konzept gern so vor:

(c) Pixelio: Dieter Schutz

(c) Pixelio: Dieter Schutz

Was aber stört mich daran?

Politikwissenschaftlicher Governancebegriff

Vor Jahren studierte ich mal Politikwissenschaften, bevor ich mich in mehreren Schritten zum IT-Consultant weiterentwickelte. Der Governance-Begriff wurde von den Politikwissenschaften erfunden. Ernsthaft. Governance ist ein spannender Begriff, hinter dem sich ein vielfältiges Steuerungskonzept verbirgt.

Laut Wikipedia soll der Begriff …

ausdrücken, dass innerhalb der jeweiligen politisch-gesellschaftlichen Einheit Steuerung und Regelung nicht nur vom Staat („Erster Sektor“), sondern auch von der Privatwirtschaft („Zweiter Sektor“) und vom „Dritten Sektor“ (Vereine, Verbände, Interessenvertretungen) wahrgenommen wird. […] Governance bezieht sich ausschließlich auf Strukturen sowie institutionelle respektive prozessuale Elemente einer politischen oder gesellschaftlichen Einheit, wodurch deren Management unterstützt und verbessert werden soll.

In der Definition fehlt meiner Meinung nach ein wichtiger Aspekt: Steuerung kann in der heutigen Zeit gar nicht mehr ausschließlich vom Staat ausgehen. Geht nicht, weil sowohl politische Strukturen heute viel umfangreicher und verflechteter sind. Sie sind als soziale Systeme unvorhersehbarer, und komplexer. Denken Sie bitte nur einen Moment an die Gesetzgebungsstrukturen von der Europäischen Ebene über den Bund zu den Ländern, plus internationale Verträge und -Regime. Einfach mal „durchgerieren“ ist da nicht drin.

Die Gesellschaft ist heute vielfältiger, wozu sehr viel mehr Interessengruppen und Akteure gehören, die Einfluss nehmen auf politische Prozesse. Dazu gehört auch der Medienbereich, ebenso wie die Annahme, dass in der Gesellschaft zusätzliches Wissen vorhanden ist, das dem Gesetzgeber nicht direkt zur Verfügung steht. Governance meint hier zusätzlich die indirekte Nutzung dieses Wissens (Stichwort Bürgerengagement, oder weiterentwickelt: „Open Government„)

Daher wurde es Zeit für neue Steuerungskonzepte, die Steuerung ohne Macht (direkter Durchgriff) mitdenken! Steuerung wird hier gedacht auch unter der Nutzung der Eigenschaften des Systems (Werte, Interessengruppen, Medien…). Governance, so verstanden:

  • hat ein Ziel
  • setzt einen Regelungsrahmen
  • macht unmittelbare Vorschriften, soweit es möglich und sinnvoll ist
  • nutzt die Systemeigenschaften und die dahinterliegenden Mechanismen, um das Ziel teilweise indirekt zu erreichen

Governance, so verstanden, habe ich mir schon vor Jahren so vorgestellt:

K Verkehr

 

Der Begriff meint also definitiv nicht „So ist´s festgelegt, so wird´s gemacht“. So autoritativ wie ein technisches Steuerungskonzept ist der Begriff politologisch nie gedacht gewesen.

Was die IT von der Politikwissenschaft lernen könnte

Bin ich der einzige, der hier Parallelen zum Social Intranet sieht? Ich sehe viele vergleichbare Aspekte, nur mal als Beispiel …

  • Aufweichung der klaren Grenze von drinnen und draußen. Ich denke da an Open Innovation, an Extranets, an Zulieferer, die direkt mitarbeiten können
  • Social Media setzt grundsätzlich auf Eigeninitiative und Selbstorganisation. Menschen sind mit ihren Eigenschaften ein aktiver Systembestandteil
  • Communities sind Orte, an denen sich „Interessengruppen“ organisieren und Themen entwickeln
  • Blogs und ähnliche Instrumente sind Sprachrohre für „Interessengruppen“ im Unternehmen, die sich artikulieren können
  • Blogs und vor allem Activity Streams bilden die Grundlage für eine unternehmensinterne Öffentlichkeit
  • Analog zur Medienlandschaft hat auch diese unternehmensinterne Öffentlichkeit die Eigenschaft Themen sichtbar zu machen und auf die Agenda zu setzen
  • Wie diese Intrumente genutzt werden, und wozu, ist nur eingeschränkt vom Management steuerbar

Die ganze Situation in Unternehmen ist komplexer als früher: Das Unternehmensumfeld, die Spezialisierung der Mitarbeiter, die Geschwindigkeit in der der auf Veränderungen reagiert werden muss, die zunehmende Vielfalt der IT-Struktur, der zunehmende Anteil an Selbstorganisation…

Alles das macht ein „Durchregieren“ des Managements zunehmend unmöglich. Und das sollte auch seinen Ausdruck in einem Governance-Konzept finden, das die indirekte Steuerung eines solchen kombinierten technisch-sozialen Systems adressiert.

Und das ist es, das dem Governance-Begriff verloren ging auf dem Weg von der Politikwissenschaft zur IT: dass komplexe Bedingungen eigene Anforderungen an Steuerung legen.

Aspekte eines erweiterten Governance-Begriffs für ein Social Intranet

Das ist dann Gegenstand von Teil 2 von 2, der am 12.5.2014 veröffentlicht wurde > hier entlang bitte

 

Blogger lieben Kommentare und Diskussionen! Wie ist deine Meinung dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s